„Gefährliche Lücke beim Mittelstand“

Interview Südwestmetall-Geschäftsführer Markus Kilian über die Lage der Firmen in der Region, nötige staatliche Hilfen und ein mögliches Ende des Shutdowns.
  • Markus Kilian Foto: Südwestmetall

Aalen

Die Coronakrise hat zu einer Vollbremsung weiter Teile der regionalen Wirtschaft geführt. Im Interview erklärt Markus Kilian, Geschäftsführer von Südwestmetall Ostwürttemberg, wie die Lage in der Branche ist – und was der Staat noch tun müsste, um den Firmen zu helfen.

Herr Kilian, wie ist die aktuelle Lage bei den Metallfirmen in der Region?

Markus Kilian: Die Lage ist äußerst angespannt. Bereits eine Ende Februar, Anfang März durchgeführte Umfrage im Vorfeld unserer – in diesem Jahr virtuellen –Mitgliederversammlung hat eine massive Verschlechterung von Auftragseingang und Umsatz ergeben. Auch die Erwartungen für diese beiden Werte waren negativ, trotz des bereits erfolgten Rückgangs 2019. Die durch die Pandemie ausgelösten Stillstände bei den Automobilherstellern stellt für die Zulieferer unserer Region nun eine zusätzliche gewaltige Herausforderung dar. Die Firmen, die „nur“ die „normalen“ Auswirkungen der Corona-Krise zu bewältigen haben wie Kinderbetreuung durch Beschäftigte, Verschiebung von Arbeitszeiten inklusive verstärkter Home-Office-Einsätze und quarantänebedingter Abwesenheiten, sind leider in der Minderheit – und das ist schon herausfordernd genug.

Die Bundesregierung hat ein hunderte Milliarden Euro schweres Rettungspaket geschnürt. Reichen diese Maßnahmen aus?

Wir begrüßen es sehr, dass die Bundesregierung mit dem Rettungspaket nicht kleckert, sondern klotzt. Angesichts des zu erwartenden massiven Wirtschaftseinbruchs ist es richtig, dass der Bund die Unternehmen mit einem gewaltigen Rettungsschirm zu stabilisieren sucht. Wichtig ist nun, dass die Soforthilfen und auch bestimmte Erleichterungen wie Stundungen unbürokratisch und schnell umgesetzt werden. Allerdings tut sich zwischen den Sofortzuschüssen für Kleinstunternehmen und den direkten Kapitalspritzen für große Unternehmen in Not noch eine gefährliche Lücke bei mittelständischen Unternehmen auf. Die Liquiditätslücke kann bei Umsätzen nahe Null und unsicherer Perspektive in vielen Fällen nicht mit Kreditprogrammen im banküblichen Verfahren geschlossen werden.

Die Coronakrise kommt zum Strukturwandel in der Autoindustrie und der Flaute im Maschinenbau hinzu. Wie ist den Betrieben zu helfen?

Um die Corona-Krise durchstehen zu können, braucht es, wie erwähnt, dringend noch Verbesserungen beim Rettungsschirm der Bundesregierung. Nach der Krise müssen aber ganz grundsätzliche Überlegungen angestellt werden, um die Wirtschaft schnell wieder in Schwung zu bringen. Dazu zählen dann neben Anschubhilfen für die Industrie Themen wie Steuererleichterungen, verstärkter Ausbau der digitalen Infrastruktur, Bürokratieabbau und Begrenzung der Lohnnebenkosten, die unbedingt in den Fokus der Politik rücken müssen. Einige jetzt kurzfristig getroffene Maßnahmen würden sich zudem auch langfristig eignen, um den Unternehmen in Ostwürttemberg zu helfen.

Die Dauer der Kurzarbeit muss auf 24 Monate verlängert werden.

Markus Kilian
Geschäftsführer Südwestmetall

Viele Firmen befinden sich bereits in Kurzarbeit. Wird dieses Instrument reichen, um Entlassungen zu vermeiden?

Es ist gut, dass die Bundesregierung den Unternehmen den Einsatz von Kurzarbeit mit verbesserten Bedingungen erleichtert hat. Allerdings muss die Dauer der Kurzarbeit dringend von 12 auf 24 Monate verlängert werden. Denn es gibt einige Betriebe, die auch schon lange vor der Corona-Krise in Kurzarbeit waren.

Die IHK hat ein Enddatum des Shutdowns gefordert. Wie sehen Sie das?

Die Gesundheit steht an erster Stelle. Es hat daher keinen Sinn, dieses Thema Tag für Tag neu zu diskutieren, so lange der Höhepunkt der Pandemie noch nicht erreicht ist. Das ist noch nicht der Fall, auch wenn sich der Anstieg in den letzten Tagen verlangsamt hat. Sollte sich dieser Trend jedoch in den nächsten Wochen verfestigen, erwarten wir eine zeitnahe Exit-Strategie, um das Wirtschaftsleben möglichst umfassend wieder in Gang zu bringen – wenn nötig unter Beibehaltung gewisser Regeln wie Abstand oder Vermeidung unnötiger sozialer Kontakte. Denn eine Umfrage unter Unternehmen in Baden-Württemberg hat ergeben, dass sich die Hälfte der Unternehmen schon dann existenziell bedroht sieht, wenn die Schließung „nur“ vier bis zehn Wochen dauern würde.

Wie lange können die Firmen diesen aktuellen Zustand überhaupt aushalten?

Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Klar ist, umso länger es dauert, bis wir wieder in eine wirtschaftliche Normallage kommen, desto mehr Unternehmen sind existenziell bedroht. Gleichzeitig müssen wir aber unbedingt verhindern, dass es nach einem vielleicht zu frühen Wiederanlauf und einem Rückfall bei den Infektionszahlen anschließend zu einer zweiten Phase mit massiven Einschränkungen kommt, was die Notsituation vieler Unternehmen vermutlich nochmals deutlich verstärken würde.

© Wirtschaft Regional 01.04.2020 17:53
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