Reisebüros fürchten in der Coronakrise um ihre Existenz

Unternehmen Während sich die Urlaubsprofis noch um gestrandete Reisende in aller Welt kümmern, kommt ihr eigenes Geschäft komplett zum Erliegen.

  • Die Busse stehen abgemeldet auf dem Betriebshof: Carolin Grötzinger von Grötzinger Reisen in Bartholomä. Das Unternehmen ist wie der Rest der Branche mit voller Wucht von der Coronakrise betroffen. Foto: Grötzinger Reisen

Ostalbkreis

Von wegen Stillstand: In den Reisebüros laufen die Telefone heiß. Urlauber müssen schnellstens nach Hause geflogen werden oder wollen das Geld für die gebuchte Reise zurück. An neue Buchungen denkt keiner. Für die Reisebüros bedeutet das enormen Arbeitsaufwand bei gleichzeitig ungewissen Zukunftsaussichten. Die Existenzangst geht um in der Branche.

Für die Kunden da sein, gerade, wenn es brenzlig wird: Das ist die Devise der Urlaubsprofis. „Derzeit habe ich noch einen Kunden in Südamerika, dessen Flug haben wir bereits dreimal umgebucht, da es ständige Flugstreichungen oder Einreiseverbote gab“, erzählt Gabi Dlask vom TUI Travel Star Reiseland in Schwäbisch Gmünd: „Nun hoffe ich, dass er bald in Deutschland ankommen wird.“ Kunden kontaktieren und informieren, sie auf Umbuchungen und ständig neue Verordnungen hinweisen, Flugtickets zur Gutschrift einreichen und so weiter. Das zehrt, wie Gabi Dlask weiß: „Jeder Veranstalter, jede Airline, jedes Hotel hat eine andere Vorgehensweise und andere Bestimmungen.“ Auch für Ulrich Rau vom OVA-Reisebüro in Aalen hatten die Kunden in aller Welt erste Priorität: „Bis auf einen Kreuzfahrer sind nun alle wieder wohlbehalten zurück“, sagt er.

Provisionen zurückzahlen

Nun werden Reisen gar nicht mehr angetreten. „Viele Kunden verschieben Reisen auf Herbsttermine, Reisegruppen von Flug- und Schiffsreisen verschieben aufs nächste Jahr“, berichtet Jutta Scheiger vom Unternehmen OK.go, das ein Reisebüro in Ellwangen betreibt.

Oder es wird gleich storniert: Das Pauschalreiserecht schützt zwar die Endkunden – Veranstalter und Reisebüros aber bleiben auf ihren Kosten sitzen. Obendrein müssen die Vermittler bei Stornierungen bereits erhaltene Provisionen zurückzahlen: „Das ist so, wie wenn Ihr Chef Ihnen heute sagt, dass wir nun eine Krise haben und sie müssen Ihr Gehalt der letzten Monate zurückzahlen“, klagt Gabi Dlask aus Gmünd. Bereits geleistete Zahlungen an Hotels und Fluglinien erhalten die Reisebüros hingegen oft nur schleppend zurück. Oder es werden weiterhin Stornierungsgebühren verlangt.

Neubuchungen? Praktisch keine mehr. Niemand weiß, wann Reisen wieder möglich ist. Selbst touristische Veranstaltungen, die erst im Sommer oder Herbst stattfinden sollten – wie die Oberammergauer Festspiele – wurden abgesagt.

Die Corona-krise beeinträchtigt unsere Arbeit erheblich.

Jutta Scheiger
OK.go

Hart kommt es für die Reisebüros, die auch Reiseveranstalter sind. Grötzinger Reisen in Bartholomä, bislang ein erfolgreiches Unternehmen der Branche mit 50 Mitarbeitern, spürt die Krise mit voller Wucht. „Unser gesamter Fuhrpark steht abgemeldet auf dem Betriebshof“, sagt Berit Deinert von Grötzinger Reisen.

Kurzarbeit in den Unternehmen

Für teures Geld gedruckte Kataloge sind hinfällig. Die Fixkosten bleiben. „Bei den geringen Margen, die der Tourismussektor in den letzten Jahren erlaubt hat, und dem extremen Preiskampf am Markt mit Offerten von Dumpingpreisen mancher Unternehmen, war es auch schwierig bis unmöglich, für die jetzige Situation größere Reserven zu bilden“, sagt Deinert.

Wie geht es weiter? „Die Coronakrise beeinträchtigt unsere Arbeit erheblich, sowohl in der Reisevermittlung als auch in der Reiseorganisation und in unserem Fall auch im Linien- und Schülerverkehr“, sagt Jutta Scheiger von OK.go. Ulrich Rau von der OVA meint: „Die Zeit ohne Einnahmen ist und wird schwierig, aber wir nutzen nun die Möglichkeit der Kurzarbeit – 50 Prozent – und sparen Kosten, wo es sinnvoll ist.“ Kurzarbeit ist auch beim TUI Travel Star Reiseland in Gmünd und Grötzinger in Bartholomä angesagt.

Während Ulrich Rau darauf verweist, dass sein Unternehmen auch in dieser schwierigen Zeit erreichbar bleibt und hofft, dass dies die Kunden in Nach-Krisenzeiten honorieren, appelliert Gabi Dlask an die Kunden, Reisen nicht zu stornieren, sondern zu verschieben – und sie im Reisebüro vor Ort zu buchen statt online. Darauf setzt auch Berit Deinert: „Nach überstandener Krise möchten wir neu durchstarten.“ Die aktuellen Verluste allerdings könnten nicht aufgeholt werden: Die Hauptreisezeit 2020 ist für die Reisebüros unwiederbringlich verloren.

© Wirtschaft Regional 26.03.2020 18:26
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