„Diese Krise geht über 2009 hinaus“

Interview Zeiss-Chef Prof. Dr. Michael Kaschke über das Ende seiner Amtszeit – und warum es in Zeiten der Corona-Pandemie auch bei Zeiss Kurzarbeit geben kann.
  • Der Vorstandsvorsitzende von Zeiss, Prof. Dr. Michael Kaschke.Foto: Zeiss

Oberkochen

E nde März endet bei Zeiss eine Ära: Im Interview mit Robert Schwarz zieht Prof. Dr. Michael Kaschke nicht nur Bilanz, sondern erklärt auch die Reaktion seines Unternehmens auf die Coronakrise.

Herr Prof. Dr. Kaschke, mit welcher Überschrift würden Sie die vergangenen zehn Jahre als Vorstandsvorsitzender von Zeiss versehen?

Prof. Michael Kaschke: Danke an alle Zeissianer, Kunden und Partner für spannende und erfolgreiche Jahre!

Sie haben beim Jahresempfang angedeutet, dass sich Zeiss weiter auf Rekordkurs befindet. Ist ein elftes Rekordjahr in Folge überhaupt noch möglich angesichts der Auswirkungen des Corona-Virus-Ausbruchs?

Die Situation hat sich seit dem Jahresbeginn dramatisch verändert. Bisher lagen wir auf unseren Zielwerten für 2020. In China ist zwar unser Geschäft wieder am Hochfahren, aber dafür sind wir nun aufgrund der Ausbreitung der Pandemie in Europa und den USA für einige unserer Bereiche doch massiv mit Nachfragerückgängen oder aber Unterbrechung der Lieferketten betroffen. Von China können wir meines Erachtens alle im öffentlichen, wirtschaftlichen, aber auch im privaten Leben im disziplinierten Umgang mit der Sondersituation einiges lernen. Momentan kann man noch nicht vorhersagen, wie stark und langfristig die derzeit erheblichen Auswirkungen des Corona-Virus auf die Weltwirtschaft und damit auch auf Zeiss sich niederschlagen werden. Wir arbeiten deshalb mit verschiedenen Szenarien. Aber heute steht schon fest: Die dynamische Entwicklung durch die Corona-Pandemie hat eine solch umfassende und tiefgreifendende Wirkung auf Gesellschaft und Wirtschaft, die über die Finanzkrise 2009 hinausgehen wird und auch deshalb meines Erachtens nachwirkende Effekte haben wird.

Haben Sie bereits Maßnahmen ergriffen, zum einen, was das Corona-Management im Unternehmen, zum anderen was die Auswirkungen für die Geschäfte von Zeiss angeht?

Neben den regionalen Taskforces und Expertengruppen haben wir sehr früh eine zentrale Taskforce eingerichtet, die alle zentralen Maßnahmen koordiniert. Die Zeiss-Sparten setzen jetzt situationsadäquat jeweilige Maßnahmenpakete um. Wir haben dabei drei Ziele: Erstens die Gesundheit der Mitarbeiter zu schützen, zweitens den Geschäftsbetrieb so gut es geht weiterzuführen und unsere Kunden zu unterstützen. Und drittens den wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Pandemie auf unser Unternehmen bestmöglich entgegenzuwirken. Dazu gehören auch der gezielte Einsatz von Instrumenten wie Abbau von Arbeitszeitkonten und Resturlaub, Anpassungen von vertraglich geregelten Arbeitszeiten und auch Kurzarbeit. Home-Office kann nur punktuell das Problem lösen, die Voraussetzungen müssen dafür auch gegeben sein. Keineswegs ist Home-Office ein Allheilmittel – wie man hier und da liest.

Die Corona-Pandemie wird nachwirkende Effekte haben.

Michael Kaschke
Vorstandschef Zeiss

Wie sieht es denn in den einzelnen Geschäftseinheiten aus?

In Teilbereichen wie zum Beispiel der Industriemesstechnik und der Konsumersparte sehen wir einen Einbruch der Nachfrage, was nur zum Teil durch Nachholeffekte aufgeholt werden könnte. Aber die Gesamtsituation der Weltwirtschaft entwickelt sich derzeit unglaublich dynamisch in die falsche Richtung. In einigen Branchen kann der Corona-Virus damit auch tiefer liegende Ursachen wiegrundlegende Transformationsbedarfe zutage fördern und eine längerfristige Krise auslösen. Für unsere Bereiche schließe ich das derzeit weitgehend aus. Das heißt aber nicht, dass wir bei längerem Anhalten der Krise nicht auch Anpassungs- und Handlungsbedarf haben. Wir sind darauf aber auf Basis einer vor über zwölf Monaten gestarteten Resilienzplanung gut vorbereitet.

Zeiss hat in den vergangenen Jahren auf der Ostalb tausende neue Jobs geschaffen, davon hat die Region profitiert. Wie zufrieden sind Sie mit der Zusammenarbeit mit der Politik in den vergangenen Jahren?

Wir haben unsererseits einen regelmäßigen Austausch, einen offenen und konstruktiven Dialog mit vielen Verantwortlichen in Kommunal- und Regionalpolitik etabliert. Vieles ist gemeinsam verstanden, wie zum Beispiel die Herausforderungen in Sachen Mobilität der Zukunft oder die Attraktivität der Region für den Zuzug von Fachkräften. Jetzt muss man über Stadt- und Landkreisgrenzen hinweg Taten folgen lassen. Der gestartete Mobilitätspakt zeigt schon mal in die richtige Richtung.

Sie werden Aufsichtsratschef des Karlsruher Instituts für Technologie. Welche weiteren Pläne haben Sie für die Zeit nach Zeiss?

Das ist im Moment nicht so wichtig. So viel lässt sich aber sagen: Mit der neuen Freiheit über meinen Kalender wird es mir nicht langweilig werden. Und ich kann auch etwas mehr Zeit für meine Leidenschaft, die Astronomie, einplanen. Dann steht natürlich die Tätigkeit in Karlsruhe an, auf die ich mich freue. Ein neues Buchprojekt habe ich bereits auch schon im Kopf.

© Wirtschaft Regional 20.03.2020 20:01
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