Im Sichtflug in eine ungewisse Zukunft

Tarifrunde Die IG Metall startet mit einer ungewohnten Strategie in die nächsten Tarifverhandlungen. Weshalb die Gewerkschaft auf das sonst übliche Ritual einer hohen Lohnforderung verzichtet.
  • Laut einer Umfrage der IG Metall geht fast die Hälfte der Metall- und Elektrobetriebe davon aus, dass die Beschäftigtenzahl sinken wird, rund ein Drittel bezeichnet die wirtschaftliche Lage als schlecht.

Stuttgart

Die IG Metall will in der kommenden Tarifrunde ein Zukunftspaket schnüren, das vor allem die Beschäftigung in der deutschen Metall- und Elektroindustrie absichert. Dafür verzichtet die Gewerkschaft auf das sonst übliche Ritual einer hohen Lohnforderung. Bis zum 3. Februar sollen die Arbeitgeber entscheiden, ob sie den neuen Weg mitgehen.

Der Wandel in der deutschen Metall- und Elektroindustrie treibt auch die IG Metall um: „Nie zuvor ist der Transformationsprozess so deutlich geworden wie 2019“, erklärt Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg. Doch in vielen Unternehmen sei nicht klar, wie dieser Wandel vollzogen werden soll. „Das bereitet uns Sorgen“, so Zitzelsberger mit Blick auf die ungewisse Zukunft in vielen Betrieben. Erschwerend kommt die aktuelle Lage hinzu. Fast jedes zweite Unternehmen im Land will in diesem Jahr Stellen abbauen. Und ein gutes Drittel schätzt die Lage negativ ein. „2020 wird kein Zuckerschlecken“, bringt es Zitzelsberger auf den Punkt.

Die IG Metall strebt einerseits einen Abschluss mit kurzer Laufzeit an. Man fahre auf Sicht, bis man genauer wisse wie sich die Lage entwickelt. Zwar stellt die IG Metall keine konkrete Forderung, doch erwartet wird schon, dass sich am Ende die Löhne besser entwickeln als die Inflation. Neben dieser kurzfristigen Strategie strebt die Gewerkschaft ein Zukunftspaket an. Man wolle den Betrieben eine Debatte über die weitere Entwicklung in Gang setzen. Dabei spürt die IG Metall auch den Druck aus den eigenen Reihen: „In den Belegschaften ist die Frage der Beschäftigungssicherheit ganz wichtig“, betont Zitzelsberger.

Bei der IG Metall rechnet man, dass sich 1,5 Millionen Arbeitsplätze in der Branche bis 2035 massiv verändern werden. Vor allem die Automobilindustrie sei von einem massiven Wandel betroffen. „Wir wollen verhindern, dass diese Arbeitsplätze ersatzlos gestrichen werden“, erklärt Gewerkschaftschef Jörg Hofmann. Der Weg führe über flexible Arbeitszeitmodelle sowie die Weiterbildung und bessere Qualifizierung der Belegschaften.

2020 wird kein Zuckerschlecken.

Roman Zitzelsberger
IG Metall

Hier wird aber aus Sicht der IG Metall noch zu wenig unternommen. „Bisher sehen vor allem die Optimierer mit alten Rezepten ihre Stunde gekommen. So geht das nicht“, kritisiert Zitzelsberger. Die IG Metall will über ein flexibles Lösungspaket verhandeln. Die Unternehmen sollen die Möglichkeit bekommen, regional unterschiedlich auf den Wandel ihrer Branche zu reagieren. Das schließe Arbeitszeitverkürzungen mit ein, wobei das Nettoentgelt gleichbleiben soll. In den Verhandlungen will man Instrumente erarbeiten, die verhindern, dass die Kosten für in die Höhe schnellen.

Neu ist so ein Ansatz nicht. Mit dem sogenannten „Pforzheimer Abkommen“ wurden bereits 2004 Abweichungen vom Flächentarifvertrag für Unternehmen in Schieflage ermöglicht. Dieses Instrumentarium soll nun ausgeweitet werden, um die Beschäftigung absichern zu können. Wobei Zitzelsberger klarstellt: „Wir werden einer dauerhaften Unterschreitung der Tarifverträge nicht zustimmen.“ Die flexiblen Lösungen sollen vielmehr den Unternehmen den Weg ebnen, sich gut für die Zukunft aufzustellen.

Der IG Metall-Spitze ist allerdings bewusst, dass die Tarifpartner das gewünschte Zukunftspaket nicht ganz alleine schnüren können. Der Blick geht nach Berlin. Gedacht wird beispielsweise an ein Transfer-Kurzarbeitergeld, mit dem der Staat ein Teil der Sozialkosten übernehmen oder die Weiterqualifikation mitfinanzieren soll. Berlin habe in der Krise 2008/09 mit zwei Konjunkturprogrammen auch schnell den Betrieben unter die Arme gegriffen. So wurden beispielsweise die Regelungen für Kurzarbeit seinerzeit deutlich ausgeweitet. Dieser Tatendrang wird heute vermisst.

Ob die Tarifpartner die gewohnten Rituale verlassen, ist offen. In einer ersten Reaktion würdigte Peer Dick, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, dass die Gewerkschaft den Ernst der Lage erkannt und für die bevorstehende Tarifrunde eine andere Gangart als üblich gewählt habe. „Wir erwarten nun aber, dass uns die IG Metall ihre Vorstellungen im Detail erläutert.“ Dick weist den Vorwurf zurück, es gäbe keine Strategie für die Zukunft. Die Unternehmen im Lande hätten sich schon in der Vergangenheit als hoch innovativ und sehr anpassungsfähig erwiesen. Das Pokern hat also begonnen. Am 3. Februar müssen beide Seiten dann aus der Deckung kommen und zeigen, ob diese Tarifrunde wirklich anders verläuft als sonst.

© Wirtschaft Regional 29.01.2020 16:00
Ist dieser Artikel lesenswert?