Zehn Quadratmeter Freiheit

Retro, Luxus oder Minimalistisch – die Nachfrage nach Caravans und Reisemobilen wächst. Auch die jüngere Zielgruppe geht wieder campen.
  • Rechts ranfahren und Urlaub haben: Wer mit Caravan oder Reisemobil unterwegs ist, schätzt die Unabhängigkeit. Foto: ©welcomia/Shutterstock.com
Fahren, wohin man will, einfach anhalten, wo es schön ist, und bleiben, so lange es Spaß macht: Diese Freiheit macht die Faszination am Camping für viele aus. Dass immer mehr Deutsche auf diesen Trend aufspringen, merkt man an der Hallenaufteilung auf der Caravan- und Touristikmesse CMT in Stuttgart: 75 000 Quadratmeter der Ausstellungsfläche belegt allein dieser Bereich und auch der Zubehörbereich ist auf mehr als 10 000 Quadratmeter gewachsen.

Auch die Hersteller der Freizeitfahrzeuge bemerken das gestiegene Interesse am individuellen Urlaub, wie sie auf der Pressekonferenz des CIVD verkünden: Mit 11,7 Mrd. EUR legte die Branche 2019 einen Rekordumsatz hin. Die Zahl der Neuzulassungen nahm in Deutschland um 14 Prozent auf 81 000 zu, auf dem europäischen Markt waren es 210 000.

Das aktuelle Wachstum der Branche werde vor allem aus dem deutschen Markt gespeist, erklärt Verbandsgeschäftsführer Daniel Onggowinarso. Die beiden anderen wichtigsten Märkte für die deutschen Hersteller, Großbritannien und Frankreich, schwächeln schon seit einiger Zeit.

Auch für 2020 erhofft sich die Hersteller auf dem heimischen Markt ein weiteres Wachstum. Die Weichen dafür sind gestellt: Die Produktion ist 2019 im sechsten Jahr in Folge gewachsen.

In Baden-Württemberg ist die Branche stark vertreten. Unter anderem hat der europäische Marktführer Hymer hier seinen Sitz. Zu der oberschwäbischen Unternehmensgruppe (Bad Waldsee), die kürzlich vom amerikanischen Konzern Thor übernommen wurde, gehören neben Hymer auch Marken wie Bürstner, Eriba und Dethleffs.

Die Bandbreite auf dem Hymer-Stand auf der CMT ist groß: Gleich vorne am Eingang finden sich Caravans, die aussehen wie direkt aus den 60er-Jahren importiert: Knallige Farben, runde Formen und warmes Holz lassen die knapp 10 Quadratmeter Fläche schnell heimelig wirken. Die Modelle „Ocean Drive“ und „Rockabilly“ gibt es ab einem Grundpreis von 21 500 EUR.

„Wir haben diese Modelle seit zwei Jahren im Programm und es gibt eine wahnsinnige Nachfrage“, sagt die Pressesprecherin Sarah Lemke. Die Zielgruppe: junge trendbewusste Großstädter, die auf Individualität Wert legen – und darauf, dass der neue Besitz auf Fotos gut aussieht.

Noch minimalistischer – die Retro-Modelle von Hymer haben immerhin ein kleines Bad – kommt der Mini-Wohnwagen des sächsischen Herstellers Kupler daher: In dem tropfenförmigen Anhänger ist wirklich nur Platz für eine große Matratze, die zum Sofa umgeklappt werden kann. Von außen kommt man außerdem noch an eine Küchenzeile unter einer Klappe heran. Viel weniger geht nicht mehr, dafür muss der Interessent auch weniger als 10 000 EUR dafür hinlegen.

Am anderen Ende der Skala ist natürlich ebenfalls alles möglich: Reisemobile für mehrere Personen, die kaum einen Komfort vermissen lassen – inklusive Heckgarage für ein kleines Auto, da werden die Summen auch schnell sechsstellig.

Weitere Trends seien Allradantrieb und völlige Autarkie, erklärt Lemke. So gibt es bei verschiedenen Modellen inzwischen die Möglichkeit, bis zu eine Woche ohne Strom- und Wasseranschluss zu stehen. Aber ein Wohnmobil mit Allradantrieb? Lemke muss schmunzeln: „Das ist unserer Erfahrung nach mehr gewollt als gebraucht.“

Aber darum geht es doch im Urlaub: dass man seine Zeit verbringen kann, wie man will. Und viele wollen inzwischen mit Anhänger oder Reisemobil unterwegs sein. Auch die jüngere Zielgruppe, die Millenials, springen immer mehr auf den Zug auf. Galt Campingurlaub lange als unbequem, spießig und verstaubt, sehen heute viele darin die Chance auf ein paar Wochen Wildnis, Abenteuer und Freiheit.

Dazu kommt, dass Camping zu den umweltfreundlicheren Arten des Urlaubs gehört. „Die CO2-Bilanz ist im Vergleich zu allen anderen Reisearten unschlagbar“, sagt Hermann Pfaff, der Präsident des CIVD. Noch ein Grund für die Generation „Fridays for Future“, aufs Campen zu setzen.
© Südwest Presse 14.01.2020 07:45
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