Mutige Pinguine gesucht

Interview Frederik Pferdt, Chief Innovation Evangelist bei Google, erklärt, wie er Menschen hilft, Vertrauen in ihre eigene Kreativität zu finden und ihren Erfindungsreichtum zu fördern.
  • Frederik Pferdt an der Hochschule Aalen. Foto: Sandro Brezger

Frederik Pferdt ist Chief Innovation Evangelist bei Google und Adjunct Professor an der Stanford Universität. An der Hochschule Aalen hat er zum zehnjährigen Bestehen des Graduate Campus gesprochen. Im Interview erklärt er sein Vortragsthema „Yourfuture-readyMindset“.

Wie können findige Köpfe neue, digitale Ideen verwirklichen - nicht nur im Silicon Valley, sondern auch auf der Ostalb?

Ideen können überall entstehen, und Kreativität existiert in uns allen, wir müssen nur Selbstvertrauen, und Mut haben, diese Ideen umzusetzen. Alle Menschen haben heute Chancen, durch die technologischen Möglichkeiten, die Zukunft zu gestalten. Es ist ihre Entscheidung, ob sie diese aktiv mitgestalten wollen. Es kommt auf die Denkweise und die Einstellung an. Unsere Denkweise ist aber nicht auf innovatives Denken und Handeln getrimmt, deshalb müssen wir unseren Erfindergeist neu programmieren, damit dieser wieder zum Leben erweckt wird. In meiner Rolle als Chief Innovation Evangelist bei Google und als Adjunct Professor an der Universität Stanford, aber auch in meiner Arbeit mit Organisationen weltweit - von Start-ups über Mittelständler bis hin zu Non-Profit-Organisationen - versuche ich Menschen zu helfen, Vertrauen in ihre Kreativität zu finden und ihren Erfindungsreichtum zu fördern, damit Organisationen zukunftsfähig sind. Es geht mir dabei immer um den Menschen, den Innovator.

Wie müssen wir unser Denken umstellen, um kreativ zu werden?

Es liegt an uns, unsere Einstellung zu ändern, um Zukunft mitgestalten zu können. Da gehören Offenheit, Optimismus, Selbstvertrauen und der Mut, etwas Neues auszuprobieren, dazu. Wir Menschen sind nicht darauf programmiert, etwas Neues zu wagen oder ein Risiko einzugehen, da wir uns selbst schützen wollen: Unser Gehirn will Energie sparen. Wir sind darauf ausgerichtet, auf Nummer sicher zu gehen. Dies kann aber uns aber um viele neue Erfahrungen und Chancen bringen. Es kann unsere Weiterentwicklung bremsen. Unser sicheres Leben kann auf Dauer langweilig und eintönig werden. Jeder ist in der Lage, sein Denken umzustellen. Drei wichtige Fähigkeiten der Zukunft - also eine zukunftsfähige Denkweise - sind meines Erachtens: Empathie, Forschungsdrang als expansives Denken und Freude am Experimentieren. Diese drei Fähigkeiten und der damit einhergehende Erfindergeist sind für jeden erlernbar. Wichtig ist, die Perspektive zu wechseln, sich am Nutzer zu orientieren. Einer unserer Grundwerte bei Google lautet: Fokussiere dich auf den Nutzer, alles andere kommt von allein. Es fehlt nicht an Ideen, sondern an Mut, diese Ideen umzusetzen. Diesen Mut kann man aufbauen. Stellen Sie sich die Frage: Was würden Sie tun, wenn Sie keine Angst hätten? Wir müssen Menschen helfen, die Angst zu verlieren.

Welche äußeren Anreize und Bedingungen sollten geschaffen werden, damit die Menschen kreativ sein können?

Innovation ist immer Teamsport: Bei Google haben wir in dem Projekt ,Artistotle’ über zwei Jahre hinweg 280 Teams beobachtet, um herauszufinden was Faktoren sind, die effektive, produktive und innovative Teams von anderen unterscheidet. Wir haben herausgefunden, dass psychologische Sicherheit also die Wahrnehmung von Individuen, dass sie vor den Konsequenzen zwischenmenschlicher Risiken am Arbeitsplatz sicher sind, einen entscheidenden Unterschied macht. Es ist also das Vertrauen, dass niemand vom Team für eine Äußerung bloßgestellt, zurückgewiesen oder bestraft wird. Psychologische Sicherheit ist damit eng verwandt mit den Themen Vertrauen, Respekt und gegenseitige Wertschätzung. Es fördert auch, dass Menschen Risiken eingehen wollen, etwas wagen, Neues ausprobieren. Psychologische Sicherheit kann konkret gefördert werden: durch einfache, aber konsequent verfolgte Maßnahmen wie das bewusste Fördern erwünschter Verhaltensweisen von Mitarbeiter: Laden Sie in der nächsten Teambesprechung explizit zum Äußern von Fragen und Bedenken ein. Bedanken Sie sich für geäußerte Kritik. Oder teilen Sie einmal einen Fehler mit, den Sie privat oder beruflich gemacht haben und was Sie daraus gelernt haben. Zeigen Sie Offenheit. Machen Sie einen vertrauensvollen und respektvollen Umgang miteinander zur Priorität. Das mächtigste Instrument, das Ihnen hier zur Verfügung steht, sind Sie selbst – als Vorbild für andere. Gehen Sie also voran.

Wie muss die ganze Organisation des Unternehmens gestaltet sein, um Anreize zu schaffen?

Denken Sie an das ,Betriebssystem’ Ihrer Organisation als deren kollektives Set an Regeln, Werten, Normen und Verhaltensweisen. Das sind die grundlegenden Teile des Unternehmens-Codes, der definiert, wie alles funktioniert. Wenn Sie dieses Betriebssystem so umcodieren oder ,updaten’ wollen, dass es innovativer und zukunftsfähig wird, müssen Sie neue kulturelle Algorithmen in Form von Ritualen entwickeln. Welches Willkommensritual erfahren bei Ihnen neue Mitarbeiter oder welches Ritual wird bei Ihnen im Unternehmen bei einem Erfolg - oder Misserfolg - initiiert? Was bei einer Beförderung oder beim Verlassen des Unternehmens? Welche Rituale begleiten eine Reorganisation -– eine Transformation – im Unternehmen? Konkret: Werfen wir einen Blick in die Natur: Pinguine in der Natur zeigen ein erstaunliches Verhalten: In einer Kolonie von Pinguinen springt immer ein Pinguin als erster ins Wasser, um zu schauen ob etwas zu fressen zu finden ist. Es besteht eine 50-prozentige Chance, dass dieser Pinguin gefressen wird oder aber etwas zu fressen findet. Die Kolonie braucht aber einen mutigen Pinguin, um zu überleben. In Organisationen kann ein sogenanntes Pinguin-Award Ritual helfen, das Überleben der ganzen Organisation zu gewährleisten. Geben Sie also genau diese Anerkennung der Person, die Neues ausprobiert und ein Risiko eingeht.

© Wirtschaft Regional 23.12.2019 14:01
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