Sicher im Auto

Detektivarbeit für mehr Sicherheit

Seit 50 Jahren gibt es die Mercedes-Benz-Unfallforschung. Die Erkenntnisse aus 4700 realen Unfällen helfen bei der Entwicklung moderner Schutzsysteme.
  • Der Laserscanner erstellt ein genaues Abbild von Auto und Umgebung. Foto: Mercedes-Benz Unfallforschung
  • Mit einer langen Stange können Überkopffotos geknipst werden. Foto: Mercedes-Benz Unfallforschung
  • Haben die Airbags wie gewünscht funktioniert? Die Experten schauen genau hin. Foto: Mercedes-Benz Unfallforschung
  • Schmauchspuren auf den Gurten lassen Rückschlüsse auf den Unfallhergang zu. Foto: Mercedes-Benz Unfallforschung
Ein lauter Warnton, automatisch straffgezogene Gurte. Die Insassen des dunklen Mercedes werden nach vorne gedrückt, während das Fahrzeug mit quietschenden Reifen vor einer kleinen Puppe mit Baseballcap zum Stehen kommt. Die Daimler-Mitarbeiterin hinter dem Steuer hält demonstrativ die Hände hoch. „Ich habe nichts gemacht, das war jetzt alles der Assistent.“

Es ist ein bekanntes Szenario, das hier im Prüf- und Technologiezentrum von Daimler in Immendingen simuliert wird: Ein Kind läuft plötzlich hinter einem geparkten Auto hervor auf die Straße. Während der Mensch zu langsam reagiert, kann ein autonomer Bremsassistent Schlimmeres verhindern.

In der Entwicklung seiner Sicherheitssysteme greift der Automobilhersteller aus Stuttgart seit mittlerweile 50 Jahren auf die Erkenntnisse aus der eigenen Unfallforschung zurück. Am 10. September 1969 schließt Mercedes-Benz ein Abkommen mit dem Land Baden-Württemberg und begründet damit die Abteilung für Unfallforschung. In einem Umkreis von 200 Kilometern um den Standort Sindelfingen herum meldet die Polizei seitdem regelmäßig schwere Unfälle mit aktuellen Modellen an den Automobilhersteller. Mit Einwilligung der Fahrzeugbesitzer wurden so bis heute mehr als 4700 Verkehrsunfälle dokumentiert.

Heiko Bürkle ist seit 2001 Teamleiter bei der Unfallforschung. Das Ziel, auf das er und seine Kollegen hinarbeiten, ist ambitioniert: Irgendwann einmal soll es keine Verkehrstoten mehr geben. Rund 100 Mal pro Jahr rückt das Team aus, um Unfallfahrzeuge und -orte genau zu dokumentieren. Mit den gesammelten Daten können die Experten genau sagen, welche Art von Unfall wie häufig vorkommt. „So können wir einschätzen, bei welchem Anteil aller Unfälle ein bestimmtes neues System eine Wirkung entfalten kann“, sagt Bürkle.

Bei jedem Unfall, den Bürkle und sein Team untersuchen, werden zunächst ausführliche Aufnahmen gemacht. Mit langen Kamerastativen knipsen die Experten das Fahrzeug von oben, sowie aus allen Richtungen auf Bodenebene. „Dadurch machen wir alle Unfälle vergleichbar“, erklärt Bürkle. Mit Hilfe eines Laserscanners wird das Fahrzeug genau vermessen und daraus schließlich am Computer ein 3D-Modell erstellt. Das hilft bei der Rekonstruktion des Unfallhergangs.

Die Forscher dokumentieren außerdem in beinahe detektivischer Arbeit zahlreiche Details, wie ob die Airbags korrekt ausgelöst wurden. Ein Hauptaugenmerk gilt den Kraftstoffleitungen. Werden sie bei einer bestimmten Unfallart verletzt, wird überlegt, wie dies in Zukunft verhindert werden kann. Ähnliches gilt für den Zustand der Batterie oder die Dichte des Tanks nach einem Unfall. Den Innenraum des Autos untersuchen die Spezialisten auf Kontaktstellen der Fahrzeuginsassen, die während des Aufpralls entstanden sind. „Die meisten Unfälle geschehen beim Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren, Ein- und Anfahren sowie durch Missachtung der Vorfahrt“, sagt Bürkle. Sein Team nutzt eine spezielle Software, die den Unfallhergang mit den gesammelten Daten im Nachhinein simulieren kann. „Am Ende können wir Schlüsse ziehen, wie sich bestimmte Verletzungen beim nächsten Unfall verhindern lassen“, erklärt Bürkle.

Das Team arbeitet inzwischen mit Kollegen aus Indien und China zusammen, die dort ebenfalls Unfallfahrzeuge untersuchen. Einen direkten Austausch unter den Experten ermöglicht eine spezielle Videobrille. Sie sendet Livebilder um die Erde und lässt so zum Beispiel den indischen Kollegen genau sehen, was Heiko Bürkle in Deutschland betrachtet. Zur Verbesserung der Sicherheitssysteme arbeitet die Unfallforschung direkt mit den Ingenieuren zusammen. In Immendingen kommen diese Erkenntnisse mit der Fahrzeugentwicklung sowie der Erprobung neuer Assistenzsysteme zusammen.

Einer der Systementwickler, die hier auch an modernen Bremsassistenten arbeiten, ist Tobias Börner. Dass die Systeme im realen Straßenverkehr Leben retten, erfährt er manchmal aus erster Hand. „Vor kurzem haben wir wieder die E-Mail einer Kundin auf den Schreibtisch gelegt bekommen. Sie berichtete, wie ihr ein spielendes Kind vors Auto lief“, erzählt er. Ein unausweichlich scheinender Unfall sei laut der Kundin durch den Bremsassistenten verhindert worden. „So eine Rückmeldung zu bekommen ist natürlich schön.“ Was bei der Entwicklung immer sicherer Fahrzeuge vor vielen Jahrzehnten einmal mit Knautschzone oder stabiler Fahrgastzelle begann, fand in modernen Systemen wie dem Bremsassistenten seine Fortsetzung. Auch Maßnahmen wie die Einführung der Gurtpflicht tragen dazu bei, die Zahl der Verkehrstoten zu senken.

Bei den Unfallschutzsystemen geht es dabei längst nicht mehr ausschließlich um die direkten Folgen eines Aufpralls. „Ohren zu, wenn's kracht“, lautet etwa ein Slogan zur Daimler-Unfalltechnik „Pre-Safe Sound“. Dahinter verbergen sich nicht etwa kleine Airbags für die Ohren. Wenn die Sensorik eines entsprechend ausgestatteten Fahrzeugs eine bevorstehende Kollision erkennt, wird über Lautsprecher ein sogenanntes rosa Rauschen abgespielt. Darauf reagiert ein Stapedius genannter Muskel im menschlichen Mittelohr, und schützt durch schnelle Kontraktion das Gehör vor dem Knall beim Aufprall.
© Südwest Presse 09.11.2019 07:45
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