Umbau von Siemens

Fulminant im Umbruch

Ein starkes Schlussquartal beschert gute Zahlen. Die kann der Konzern mitten in der größten Veränderung seiner Firmengeschichte gut brauchen.
  • Der Neue – vermutlich. Noch ist Roland Busch offiziell nur stellvertretender Vorstandsvorsitzender von Siemens. Foto: Peter Kneffel/dpa
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Privat mag Joe Kaeser ein humorvoller Mensch sein. Auf dem Podium bei der Vorstellung der Konzernjahreszahlen ist der Siemens-Chef aber meist etwas spaßbefreit. In diesem Jahr jedoch nicht. Während der Präsentation des Ergebnisses des Geschäftsjahres 2018/19 (30. September) sagte er zu seinem Vorstandskollegen verschmitzt: „Du musst jetzt gelassen schauen“ – um dann in seiner Rede fortzufahren: „Sie sehen heute einen gelassenen und zufriedenen Finanzvorstand.“

Für den kleinen Gag am Rande gibt es einen Anlass: Siemens hat sich trotz widriger Weltwirtschaft mitten in einer seiner größten Umbruchphasen dank eines guten vierten Quartals behauptet. Der Umsatz ging nach oben. Der Gewinn nach Steuern lag mit 5,6 Mrd. EUR zwar um 8 Prozent unter dem Vorjahreswert. Allerdings hatte es im vergangenen Jahr positive Sondereffekte in Milliardenhöhe gegeben. Kaeser bediente sich für die Entwicklung der Zahlen sogar eines Wortes, das man gar nicht in seinem Wortschatz erwartet: „fulminant“. Das Unternehmen habe jetzt zum sechsten Mal in Folge seine Jahresziele erreicht, sagte Kaeser. „Das war bei Siemens nicht immer der Fall. Auf diese Serie können wir stolz sein.“

Ebenfalls erfreulich sei der Ausblick auf das kommende Geschäftsjahr. Trotz weiteren Gegenwinds der Weltwirtschaft und rückläufiger Märkte will der Technologiekonzern seinen Umsatz moderat steigern, was typischerweise ein Plus von 3 bis 5 Prozent bedeutet. Der Auftragseingang ging um 6 Prozent nach oben. Zum operativen Ergebnis des Unternehmens gab Siemens keine konkrete Prognose ab. Die für das Ergebnis je Aktie angegebene Spanne deutet allerdings tendenziell nach oben. Gerade im Vergleich zu Konkurrenten – gemeint sein dürfte etwa der traditionelle US-Widersacher General Electric – stehe Siemens gut da, freute sich Kaeser.

Zahlen und Ausblick sind wichtig, die Münchner drehen aber noch an einem ganz großen Rad: dem Konzernumbau. Das aus der heutigen Sparte Gas and Power sowie der Mehrheitsbeteiligung an Siemens Gamesa bestehende Energiegeschäft wird im Frühjahr als Siemens Energy abgespalten und voraussichtlich im September 2020 an die Börse gebracht. Dies werde unabhängig von der Entwicklung der Kapitalmärkte geschehen, betonte Finanzchef Ralf Thomas. „Wir sind nicht abhängig davon, ob die Börse gut gelaunt ist“, betonte er.

„Der Zeitplan bis zur Börsennotierung ist ambitioniert, aber wir sind auf Kurs“, sagte der designierte Chef von Siemens Energy, Michael Sen. Die Aktien gehen per Spin-Off an die Siemens-Anteilseigner. Er habe „Aufbruchstimmung an den deutschen Standorten in den vergangenen Wochen gespürt – auch in Werken, die von schmerzhaften Einschnitten betroffen sind und waren.“ Anfang kommenden Jahres werde der Sitz des neuen Unternehmens bekanntgegeben.

Künftig soll Siemens aus den drei Bereichen Industrielles (mit den Digitalen Industrien und der Bahntechnik), Gesundheit und Energie bestehen, die in einem von „gemeinsamen Interessen“ getragenen „Ökosystem“ zusammenarbeiten, sagte Kaeser. Wenn in einem Land oder in einer Region politische, gesellschaftliche oder regulatorische Fragen gelöst werden müssen, sei man gemeinsam stärker.

Den Sinn der Abspaltung beschriebt Sen so: „Als unabhängiges Unternehmen können wir unsere Kräfte bündeln und uns auf das konzentrieren, was wir am besten können: Energie. Wir haben nun die Freiheit, unsere eigenen Strategie- und Investitionsentscheidungen zu treffen und gewinnen damit deutlich an Geschwindigkeit.“ In einem sich so radikal und so schnell verändernden Markt sei dies eine extrem wichtige Erfolgsvoraussetzung. Die Abspaltung der Energie-Aktivitäten bringe einen „erheblichen Ertrag“, der sich allerdings noch nicht verlässlich quantifizieren lasse, sagte Kaeser.

Als wäre das noch nicht genug, gibt es noch ein weitere bedeutende Veränderung im Unternehmen: Kaeser selbst. Sein Vertrag endet Anfang 2021 und der Nachfolger Roland Busch läuft sich seit Anfang Oktober in der neu geschaffenen Position eines stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden warm. Eine Entscheidung über die Nachfolge soll aber erst im Sommer 2020 getroffen werden. Wann Kaeser seinen Posten frei macht, wolle er nicht sagen, nur: „In fünf Jahren werde ich sicherlicht nicht mehr Chef sein.“

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© Südwest Presse 08.11.2019 07:45
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