Lehrlinge händeringend gesucht

Ausbildungsmarkt Noch nie gab es in Ostwürttemberg so viele Ausbildungsplätze und gleichzeitig so wenige Bewerber. Arbeitsagentur, IHK und Handwerkskammer suchen nach Lösungen.
  • Die Zahlen der Arbeitsagentur Aalen zeigen: Während vor zehn Jahren noch deutlich mehr Bewerber auf die einzelnen angebotenen Ausbildungsplätze kamen, hat sich das Verhältnis inzwischen umgekehrt. Das könnte den Fachkräftemangel noch verschärfen. Quelle: Agentur für Arbeit

Aalen

Gute Nachricht für Schulabgänger: Es gibt so viele Ausbildungsplätze in der Region wie nie zuvor. Das freut aber nicht alle, denn viele Ausbildungsplätze können nicht mehr besetzt werden. Die Zahl der Lehrstellenbewerber in Ostwürttemberg sinkt seit Jahren und ist nun auf einem historischen Tief angekommen. Das gab Elmar Zillert, Chef der Arbeitsagentur Aalen, nun bekannt.

3321 Lehrstellen haben die Unternehmen im Ostalbkreis in diesem Jahr ausgeschrieben, knapp 400 mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Bewerber sank dagegen um rund fast 150, auf nun 2877. Ähnlich sieht die Lage im Kreis Heidenheim aus. „Die Schere öffnet sich immer weiter“, sagt Zillert. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Verhältnisse gedreht. Konnten früher die Unternehmer aus einer Vielzahl von Bewerbern wählen, so haben die Schulabgänger nun die freie Auswahl.

Woran liegt das? Der demografische Wandel und der Andrang auf die Hochschulen spielen eine Rolle, aber auch die insgesamt exzellente Beschäftigungssituation in der Region: Innerhalb von zehn Jahren sind in Ostwürttemberg 30 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte neu hinzugekommen, allein im vergangenen Jahr waren es 4784. „Das zieht sich durch alle Branchen, lediglich bei den Finanz- und Versicherungsdienstleistungen gibt es seit Jahren einen Rückgang“, so Zillert.

Das massive Ungleichgewicht – 54 Prozent mehr Stellen als Bewerber – trifft die Region stärker als den Rest Baden-Württembergs. Im Landesdurchschnitt etwa ging die Zahl der gemeldeten Lehrstellen um 0,9 Prozent hoch, in Ostwürttemberg dagegen um 9,5 Prozent. Jede fünfte Ausbildung in der Region wird vorzeitig abgebrochen. Im Schnitt beginnen junge Leute mit 19,8 Jahren eine Ausbildung.

Bochum-Plan ist nicht aufgegangen

Es gibt kleine Betriebe in der Region, die dieses Jahr nicht eine einzige Bewerbung erhalten haben.

Elmar Zillert
Arbeitsagentur Aalen

Bei den beliebtesten Ausbildungsberufen zeigt sich ein unterschiedliches Bild: Zwar hat in allen Jobs die Zahl der angebotenen Stellen zugenommen. Gibt es aber bei den Büro- und Industriekaufleuten, den medizinischen Fachangestellten und den Kfz-Mechatronikern noch einen Bewerber-Überschuss, so konnten die Stellen als Industriemechaniker, Einzelhandelskaufleute und Zerspanungsmechaniker nicht alle besetzt werden. Agenturchef Zillert sieht einen Fachkräftemangel, der sich immer mehr verschärft. Er verwies auf die vielfältigen Aktivitäten, Jugendliche zu begeistern. So werde die Agentur die Zahl der Berufsberater um neun auf 34 Personen aufstocken. Unternehmen sollen angehalten werde, auch schwächere Bewerber auszubilden, Studienabbrechern soll die duale Ausbildung schmackhaft gemacht werden. Insgesamt fließen 2019 im Agenturbezirk rund 14,5 Millionen Euro in die Ausbildungsförderung.

Ein Plan, den die Arbeitsagentur Aalen im letzten Jahr gehegt hatte, ist indes nicht aufgegangen: Man wollte junge Leute aus dem von Arbeitslosigkeit geplagten Raum Bochum als Lehrlinge für Ostwürttemberg gewinnen. „Wir haben die Leute, die wir suchten, dort schlicht nicht gefunden“, räumte Zillert ein.

45 Geflüchtete haben ihre Gesellenprüfung bestanden

Auf die Chance, junge Geflüchtete als Azubis zu gewinnen, wies Karin Schmid von der Handwerkskammer Ulm hin: Im Ostalbkreis sind unter den 568 Handwerks-Azubis 38 Geflüchtete, im Kreis Heidenheim sind es 17 von 205. Die ersten 45 Geflüchteten im Kammergebiet haben nun ihrer Gesellenprüfung bestanden. Im Handwerk fehle es vor allem an angehenden Anlagenmechanikern, Elektronikern, Fachkräften im Lebensmittelhandwerk sowie Zimmerern.

André Louis, bei der IHK Ostwürttemberg für Ausbildung zuständig, berichtete von ähnlichen Tendenzen. 1035 IHK-Betriebe in Ostwürttemberg bilden aus. Sie nahmen 2019 insgesamt 1859 neue Azubis auf. Das waren elf mehr als im Vorjahr.Die Branchen unterscheiden sich hier aber deutlich. „Der Metallbereich bleibt konstant, im Elektrobereich verzeichnen wir – vielleicht wegen der Digitalisierung ein deutliches Plus“, sagt Louis und fügt hinzu: „In den Bereichen Handel und Gastronomie ging die Zahl der neuen Ausbildungsverhältnisse zurück, im Bereich Transport und Verkehr stieg sie dagegen stark.

© Wirtschaft Regional 06.11.2019 13:28
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