„Lieber agieren als reagieren“

Automobilindustrie Die Branche steckt mitten in einem dramatischen Strukturwandel. Die ZF stellt mit einem Qualifizierungstag die Chancen dieser Entwicklung für die Mitarbeiter in den Mittelpunkt.
  • Von links: Rudolf Stark, Helmut Köditz. Daniel Sauerbeck, Dr. Alexandra Jürgens, Michael Nanz und Prof. Dr. Ulrich Schmitt. Foto: rs

Alfdorf

Rudolf Stark macht aus der Entwicklung keinen Hehl. „Der Wandel in der Automobilindustrie war noch nie so stark wie aktuell“, sagt der neue Leiter der Division Passive Sicherheitstechnik beim ZF-Konzern. Autonomes Fahren und Elektromobilität als globale Themen, Digitalisierung und Vernetzung als permanenter Hintergrund, „hinzukommen Einflüsse auf die Fertigung, die man als Industrie 4.0 zusammenfassen kann“, so Stark. „Meine These aber ist: Ein Wandel ist immer auch eine Chance.“

Um diesen Wandel zu gestalten, braucht es jedoch entsprechende ausgebildete Mitarbeiter. „Sie sind das zentrale Element der Transformation“, sagt Stark. Deshalb hat die ZF am Standort Alfdorf am Mittwoch mit einem Qualifizierungstag die eigenen Mitarbeiter über mögliche Weiterbildungsmöglichkeiten informiert.

Mit im Boot ist nicht nur das Unternehmen selbst. Sechs Partner sind mit dabei, darunter die Technische Akademie in Schwäbisch Gmünd. „Das müsste eigentlich jeder Betrieb machen“, lobt deren Geschäftsführer Michael Nanz die Aktion der Friedrichshafener. „Vor der Industrie liegen große Herausforderungen. Deshalb ist es wichtig, die Mitarbeiter bei diesem Transformationsprozess mitzunehmen.“ Für Nanz ist dabei die Eigenmotivation der Menschen essenziell. „Die Mitarbeiter müssen mitdenken und offen sein für Neues.“ Die TA biete den Betrieben einen reichen Strauß an spezifischen, aufs Unternehmen zugeschnittener Qualifizierungsmaßnahmen.

Ein weiterer wichtiger Akteur ist die Hochschule Aalen. Deren Studiendekan und Beauftragter für Weiterbildung, Prof. Dr. Ulrich Schmitt, unterstrich: „Die digitale Transformation hat massive Konsequenzen für Unternehmen aus allen Branchen.“ Inzwischen würden nicht nur Autos verkauft, sondern mobile Dienstleistungen. „Geschäftsprozesse ändern sich, es fallen etwa bei der Fertigung immer mehr Daten an, die aufbereitet werden müssen, Produktionen werden immer flexibler, der Automatisierungsgrad nimmt immer weiter zu.“ Das sei an sich nichts Neues. „Aber die Geschwindigkeit der Transformation hat in den vergangenen Jahren enorm zugenommen.“

Ein Wandel ist immer auch eine Chance.

Rudolf Stark
ZF

Der Graduate Campus Ostwürttemberg (GCO) an der Hochschule hat sich seit seiner Gründung der Weiterbildung verschrieben. Am Institut, das von Geschäftsführerin Dr. Alexandra Jürgens geleitet wird, sind sowohl umfangreiche Weiterbildungen wie Master-Studiengänge sowie weitere akademische Kurse für Mitarbeiter möglich. „Aktuell gibt es eine klare Tendenz zu Qualifizierungen im IT- und Elektrotechnik-Bereich“, sagt sie. In den vergangenen zehn Jahren haben beispielsweise 19 Mitarbeiter von ZF in Alfdorf an Kursen und Studiengängen der GSO teilgenommen.

Die ZF setzt dabei auch auf das Eigen-Engagement der Mitarbeiter. „Qualifizierung war schon immer wichtig für den Standort Alfdorf“, sagt Helmut Köditz, Geschäftsführer der TRW Automotive GmbH und Personalleiter. „In vielen Gespräche haben die Mitarbeiter uns signalisiert, dass ein großer Bedarf vorhanden ist. Mit dem Qualifizierungstag informieren wir sie nun über die umfangreichen Möglichkeiten in diesem Bereich.“ Er sieht Weiterbildung als wichtiges Instrument der Mitarbeiterentwicklung. „Unsere Mitarbeiter wollen wissen, wohin die Reise geht.“ Qualifizierung sei eine gute Antwort auf die derzeit grassierende Orientierungslosigkeit und Angst, die mancherorts angesichts des Strukturwandels verbreitet werde. Der Konzern unterstützt die Mitarbeiter bei den Qualifizierungsmaßnahmen finanziell. Der Mitarbeiter investiere wiederum seine Freizeit. Dabei geht die ZF nicht nach dem Gießkannenprinzip vor. „Wir analysieren, welche Mitarbeiter welchen Bedarf hat“, sagt Köditz.

Der Qualifizierungstag kommt beim Betriebsrat, der bei der Konzipierung mit im Boot saß, gut an. „Jeder braucht Bildung“, sagt Daniel Sauerbeck, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender. „Die Beschäftigten müssen bereit für die neuen Jobs, die angesichts des Transformationsprozesses entstehen.“ Gleichzeitig sei es die oberste Aufgabe des Betriebsrats, die Beschäftigung zu sichern. Von qualifizierten Mitarbeiter profitierten dabei ebenfalls die Unternehmen selbst. „Der Qualifizierungstag ist ein erster wichtiger Schritt“, sagt Sauerbeck.

Unterdessen ist die Lage am ZF-Standort Alfdorf gut, wie Köditz auf Anfrage dieser Zeitung erklärte. „Die Passive Sicherheitstechnik wird auch in Zeiten des Elektroautos und des Autonomen Fahrens eine zentrale Technologie bleiben.“ Zwar bleibe der Standort von der aktuellen konjunkturellen Situation nicht verschont, größere Einsparmaßnahmen wie ein Stellenabbau seien aber nicht geplant, so der TRW-Geschäftsführer.

© Wirtschaft Regional 23.10.2019 19:00
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