Stundenlang im Stau?

Der Autofahrer als Sensor

Für viele Autofahrer zeigen Navi oder Apps den Weg zum Zielort. Aber wie kommen die Routen-Vorschläge eigentlich zustande?
  • Handys verdrängen zunehmend klassische Navi-Geräte. Foto: © Alex Segre/Shutterstock.com
Ein spätsommerlicher Samstagmorgen auf der A8: Das Radio vermeldet einen Stau am nächsten Autobahnkreuz, auch die Ausweichrouten sind schon überlastet. Von der Autobahn abfahren oder sein Glück im Stau versuchen? Viele Autofahrer verlassen sich bei dieser Entscheidung auf ihr Navigationsgerät oder eine Navigations-App wie Google Maps auf dem Smartphone.

Wie rechnen die Geräte den schnellsten Weg zum Ziel aus? Ein Teil der Antwort sind die Fahrer, die auf der Autobahn und den angrenzenden Landstraßen unterwegs sind – zumindest wenn sie sie ein Smartphone dabei haben, bei dem die Standortübermittlung aktiviert ist, oder ein Navigationsgerät, das sich per Sim-Karte mit dem Internet verbinden kann. Dann fungieren die Autofahrer wie Sensoren, die den Anbietern von Echtzeit-Verkehrsdaten Informationen über den Streckenabschnitt liefern.

TomTom etwa gewinnt Echtzeit-Verkehrsdaten aus fest verbauten Navigationsgeräten, klassischen mobilen Navis und aus den Smartphones bestimmter Hersteller, mit denen das Unternehmen kooperiert, erläutert Unternehmenssprecherin Sarah Schweiger. TomTom arbeitet auch mit den Karten-Diensten ausgewählter Smartphone-Hersteller zusammen. „Aus den anonymisierten Datensätzen lässt sich erkennen, mit welcher Geschwindigkeiten sich die Fahrzeuge bewegen – und damit auch, ob sie im Stau stehen.“

In die Routenberechnung fließen auch „historische“ Verkehrsdaten ein – zum Beispiel Informationen darüber, wie groß die Kapazität einer Strecke zu einer bestimmten Tageszeit ist. Navis müssen vorhersagen können, wie sich auf einer mögliche Route die Verkehrssituation während der Fahrt ändert, erläutert Schweiger. Deshalb müssten auch Umleitungen oder Unfall-Meldungen in die Berechnung einfließen.

Verstopfte Nebenstraßen

Mit Hilfe eines komplexen Algorithmus berechnen Navigationsgeräte und -Apps die empfohlene Route. Dabei werden mehrere Faktoren berücksichtigt und je nach Einstellung gewichtet. „Wenn der Fahrer das Kriterium ,schnellste Route' gewählt hat, versucht das Navigationssystem immer, möglichst lange auf Autobahnen oder mehrspurigen Bundes- und Landesstraßen bleiben“ erläutert Thiemo Weinschenk, Produktmanager bei Garmin, das seine Daten unter anderem von dem Anbieter Here erhält. Bei der Berechnung der Route werden Straßenklasse, erlaubte Höchstgeschwindigkeit und teilweise die in der Vergangenheit gefahrene Durchschnittsgeschwindigkeit herangezogen.

Bei Stau berechne das Navi anhand der Länge des Staus und der Geschwindigkeit der Fahrzeuge im Stau, welche Verzögerung auf der Route zu erwarten ist. Gleichzeitig werden die Alternativrouten berechnet. Dabei wird die Fahrt durch eine Stadt eher vermieden. Bei der Neuberechnung wird auch die Verkehrsfluss auf den Alternativrouten berücksichtigt. Staut sich der Verkehr auch dort, kann es dazu kommen, dass das Navi dem Fahrer rät, auf der Autobahn zu bleiben.

Weil Navis auch „Schleichwege“ kennen und es abseits verstopfter Autobahnen wegen der alternativen Routenvorschläge zu mehr Verkehr kommen kann, gibt es immer wieder Unmut bei Kommunen und Anliegern. Das prominenteste Beispiel: Tirol sperrte über den Sommer an Wochenenden Ausweichrouten kurzerhand für Durchreisende. Auch bei Stau durften Autofahrer nicht von der Autobahn abfahren. Dieses Verbot läuft am kommenden Sonntag aus, soll aber wieder im Winter gelten. Und viele Navigationsgeräte zeigen die Umfahrungen nicht mehr an.

„Es liegt sicher nicht im Interesse der Anbieter von Navigationsgeräten, die Seitenstraßen zu verstopfen“, teilt dazu Bitkom, der Verband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche, auf Anfrage dieser Zeitung mit. Prinzipiell habe jedenfalls die Politik aber keinen Einfluss darauf, wie Ausweichstrecken von Navis berechnet werden.
© Südwest Presse 10.09.2019 07:45
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