Giengener Filz als Global Player

Traditionsunternehmen Die Vereinigten Filzfabriken stellen Bastelutensilien und Klavierhämmer her, aber auch Materialien für die Elektro-, Auto- oder Stahlindustrie.
  • Das VFG-Werk in Giengen aus der Luft. Foto: VFG

Giengen

Filz ist ein globales Geschäft. Filz ist ein Multitalent. Und Filz hat Tradition in der Region. Das wird schnell klar, wenn man den Standort der Vereinigten Filzfabriken Giengen (VFG) besucht. Im Showroom des Traditionsunternehmens gibt es nicht nur den Klassiker, die berühmten Filz-Pantoffel, zu entdecken: Die Bandbreite ist riesig, geht von klassischen Bereichen wie Reinigungsutensilien über Klavierhämmer hin zu Form- und Stanzteilen sowie Verbundwerkstoffen und schallabsorbierenden Materialien, die zum Beispiel in Büros zum Einsatz kommen.

Die in Giengen, Hermaringen und am Produktionsstandort Fulda hergestellten Woll- und Nadelfilze werden als technische Textilien weltweit in unzähligen Branchen und vielfältigen Anwendungen verwendet und verarbeitet. Der Grund ist einleuchtend: Filz ist so flexibel wie kaum ein anderer Stoff, je nach Bearbeitung kann er weich wie Watte sein – oder eben hart wie Holz.

„Die Herstellung von Woll- wie Nadelfilz erfordert viel Know-how“, erklärt VFG-Vorstandschef Karl-Ulrich Hömann. Gegenüber der asiatischen Konkurrenz, die für zahlreiche Textilunternehmen aus Deutschland das Ende bedeuteten, sei man deshalb trotz des teureren deutschen Fertigungsstandorts nicht im Nachteil. „Wir haben am Standort eine extrem hohe Produktionskompetenz samt eines einzigartigen Maschinenparks“, sagt der CEO, der seit 2016 die Geschäfte des Traditionsbetriebs führt. „Wir investieren kontinuierlich in unseren Maschinenpark und stellen uns so effizient wie möglich auf.“ Aktuell beschäftigt das Unternehmen 180 Menschen, 20 mehr als noch vor zwei Jahren. Das zeigt: Die Geschäfte der VFG laufen gut.

Trend zum Großraumbüro nutzt dem Unternehmen

Technische Textilien sind ein Wachstumsmarkt.

Karl-Ulrich Hömann
Vorstandschef

Filze aus Giengen erfreuen sich nicht nur in der klassischen Textilwelt (als Designfilz im Bereich Architektur/Raumausstattung oder Bastelutensil) steigender Beliebtheit. Auch in der Elektro-, Auto- oder Stahlindustrie sowie dem Maschinenbau werden sie eingesetzt, etwa als Brems- oder Abstreiffilz sowie zur Be- und Entölung in der Blechproduktion oder der Drahtverarbeitung. Zudem profitieren die VFG indirekt vom weltweiten Trend zu Großraumbüros: Filze sind schallabsorbierend und werden von Büroausstattern verwendet, um die bekannten Geräuschnachteile auszugleichen. Überdies schützt der Giengener Filz Elektrowerkzeuge oder Haushaltsgeräte vor Staub, Feuchtigkeit oder Umwelteinflüssen. So findet sich in zahlreichen, an verschiedensten Standorten in aller Welt hergestellten Wärmepumpentrocknern das VFG-Produkt sealTEX. „Fast alle Hersteller gehören zu unseren Kunden“, erzählt Hömann. Die VFG produzieren jedoch nicht nur standardisierte Produkte. „Wir entwickeln mit unseren Kunden individuelle Lösungen in den Bereichen Isolieren, Dämpfen, Leiten oder Speichern.“

Die Aussichten für das 1858 gegründete Unternehmen sind positiv: „Technische Textilien sind ein Wachstumsmarkt“, erklärt Hömann. Zudem entwickle sich die VFG permanent weiter – und erschließt mit immer neuen Filzvariationen auch ungewöhnliche Anwendungsgebiete wie den Bereich Kanalsanierungen. Unter der Marke lineTEC werden Filzschläuche vertrieben, die mit Harz getränkt zur grabenlosen Sanierung von zum Beispiel Abwasserkanälen dienen. Die VFG haben ständig rund 3000 Artikel im Sortiment, die Neuproduktrate ist hoch, innerhalb eines Jahres verschwinden 1000 von der Liste und 1000 neue werden entwickelt. „Wir müssen ständig am Puls des Marktes sein“, sagt Hömann. „Das erfordert viel Flexibilität.“

Der Lohn: Durch die zahlreichen Kunden in aller Welt – vom Großkonzern bis zum kleinen Bastelladen um die Ecke – hat sich das Unternehmen erfolgreich diversifiziert. „Unsere Kunden kommen heute aus 80 bis 100 Branchen. Das macht uns krisenfester und unabhängiger“, erklärt Hömann. Die Kehrseite: „Wir spüren nahende Konjunkturabschwünge sehr früh.“ Während die VFG im vergangenen Jahr stark gewachsen sind, sei die Nachfrage nun verhaltener. Dennoch wird das Unternehmen den Standort weiter stärken. Mit neuen Maschinen will Hömann den Output erhöhen, parallel investieren die VFG in den eigenen Nachwuchs. Die Ausbildungsquote liegt bei sieben Prozent. Der Lohn: Viele der aktuellen Führungskräfte sind Eigengewächse, darunter auch die beiden Produktionsleiter.

„Wann immer sich die Option bietet, investieren wir in die Firma. Wir sind auf einem guten Weg und wollen mit neuen Produkten weiterwachsen.“ Fester Bestandteil des Produkt-Portfolios indes werden trotz tausender neuer Produkte auch künftig die bekannten Design- und Bastelfilze bleiben.

© Wirtschaft Regional 27.08.2019 17:24
300 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?