Engpass am Ausbildungsmarkt

Die Lehre soll aufpoliert werden

Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik wollen verstärkt für die betriebliche Ausbildung werben. Abiturienten stehen ebenso im Fokus wie junge Leute ohne Berufsabschluss und Geflüchtete.
  • Ein Auszubildender wird bei der Deutschen Bahn angelernt. Foto: Daniel Karmann/dpa
  • Das Interesse schwindet
Kein Jugendlicher und kein Ausbildungsplatz darf verlorengehen“, beschreibt Eric Schweitzer das Ziel der Allianz für Aus- und Weiterbildung. Dass der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) diese Devise ausgibt, kommt nicht von ungefähr: Schon im letzten Jahr konnten die Betriebe 57 700 Lehrstellen nicht besetzen. Gleichzeitig hatten 24 500 junge Leute keinen Ausbildungsplatz.

Schon heute fehlen in viele Unternehmen Fachkräfte, und das Problem droht sich zu verschärfen, wenn sie keinen Nachwuchs finden. Auch in diesem Jahr ist die Lage schwierig: Im Juli waren bei den Arbeitsagenturen noch 178 000 junge Leute gemeldet, die einen Ausbildungsplatz suchten. Sie hatten die Wahl zwischen 207 000 Lehrstellen. Die Abschlussbilanz des Ausbildungsjahrs 2019 zieht die Bundesagentur für Arbeit allerdings erst im Oktober.

Das Problem ist, dass Wohnort und Berufswunsch häufig schwer unter einen Hut zu bekommen sind. Daher stehen junge Leute in schwierigen Regionen wie im Ruhrgebiet oder im Nordosten von Brandenburg häufig ohne Lehrstelle da – trotz vieler Hilfen etwa für die auswärtige Unterbringung oder durch günstige ÖPNV-Tickets, die noch verstärkt werden sollen. Das ist einer der Pläne der Allianz zwischen Bundesregierung, Wirtschaft und Gewerkschaften, die 2014 gegründet und jetzt erneuert wurde.

Keine einzige Bewerbung

Die Dramatik der Lage zeigen zwei Zahlen, die Schweitzer fast beiläufig erwähnte: Ein Viertel der Betriebe, die Ausbildungsplätze anbieten, kann nicht alle besetzen. Jeder zehnte bekommt keine einzige Bewerbung.

Eine wichtige Gruppe sind nicht nur für die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack die fast 1,4 Mio. jungen Leute zwischen 20 und 29, die keine abgeschlossene Ausbildung haben. Um sie wollen sich die Partner der Allianz verstärkt kümmern, unter anderem mit der Assistierten Ausbildung: Begleiter, die von der Arbeitsagentur bezahlt werden, helfen Jugendlichen mit schlechten Startchancen. Dafür soll es mehr Geld geben. Gerade kleinere Unternehmen nutzen die Möglichkeiten zu wenig, oder sie sind gar nicht bekannt.

Die Wirtschaftsverbände und die Arbeitsagenturen wollen sich zudem verstärkt um junge Menschen mit Behinderung kümmern und ihnen eine Ausbildungschance geben. Mit einigem Erfolg bemühen sie sich um Geflüchtete: Ende des Jahres dürften 50 000 eine Lehre machen, erwartet Schweitzer. Derzeit seien es 44 000. Sie arbeiten häufig in der Gastronomie und im Lebensmittel-Handwerk. Das hat allerdings auch Schattenseiten, beklagte Hannack: Da dort die Bedingungen oft schlecht seien, brächen sie ihre Ausbildung genauso oft ab wie deutsche Jugendliche.

Die Allianz hat aber auch die Leistungsstarken im Blick, die nach dem Abitur studieren wollen: Sie will mehr dafür werben, dass eine Lehre als gleichwertig mit einem Studium angesehen wird. Fast jeder Dritte bricht sein Studium ab. Mancher hätte besser erst eine Lehre gemacht.

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© Südwest Presse 27.08.2019 07:45
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