„Halte die Debatte für zu plakativ“

Interview Der Aalener Professor Achim Frick findet die aktuelle Umweltdebatte rund um Kunststoffe unseriös – und erklärt, warum sie besser als ihr Ruf sind.
  • Prof. Dr. Achim Frick. Foto: Hochschule Aalen

Aalen

Mikroplastik als Bedrohung, die Plastiktüte als Quell des weltweiten Müllproblems, selbst im tiefsten Meer: Bilder wie diese gehen regelmäßig um die Welt. Im Interview erklärt der Aalener Professor Dr. Achim Frick, warum Kunststoffe besser als ihr Ruf sind.

Die Deutschen verbrauchen jährlich mehr als drei Milliarden dünne Plastiktüten. Ist das überflüssig?

Prof. Dr. Achim Frick: Ich halte die Diskussion um die Plastiktüte für zu plakativ. Das sagt wenig aus. Die Handelskette Rewe hat Plastiktüten abgeschafft und bietet als Alternative Papiertüten. Sind die denn ökologisch betrachtet eine bessere Lösung? Der CO2-Fußabdruck einer Kartonage ist nur etwa zehn Prozent besser als der einer Einweg-Kunststoffverpackung. Der einer Kunststoff-Mehrwegflasche ist sogar nur halb so groß wie bei einem Karton. Es müssen der gesamte CO2-Fußabdruck und die Entsorgungskonzepte betrachtet werden. Grundsätzlich sollte man nicht den Fehler machen, den Müll im Meer der Kunststofftechnik zuzuschreiben.

Hat Kunststoff ein Imageproblem, weil es zu oft mit Plastik gleichgesetzt wird?

Ein Großteil der Bevölkerung nimmt Kunststoffe nur als Plastikmüll wahr. Dann wird die tatsächlich existierende Umweltverschmutzung mit Mikroplastik dem Kunststoff zugeschrieben wird. Das ist sehr undifferenziert. Mikroplastik in der Umwelt ist kein Problem des Kunststoffs, sondern ein durch Menschen verursachtes Problem, nämlich durch unachtsamen Umgang mit Stoffströmen und der Umwelt.

Aber diese Bilder sieht man ja überall. Mal ganz plump gefragt: Wie kommt der ganze Dreck eigentlich ins Meer?

Zunächst ist es keine Frage des Materials, sondern eine Frage des Umgangs der Gesellschaft mit Dingen und ihre Umweltverantwortlichkeit, also auch im Umgang mit Abfall. Um ihre Frage zu beantworten, muss man sich die Stoffströme präzise anschauen. Hier ist Deutschland sehr gut aufgestellt, weil wir gut funktionierende Sammlungsmöglichkeiten haben. Bei uns werden rund 90 Prozent der PET-Flaschen gesammelt und recycelt. In vielen Ländern der Erde funktioniert dieser Kreislauf leider nicht so gut. Das gilt nicht nur für schwach entwickelte Länder, auch in der hoch entwickelten USA liegt die Recyclingrate für PET bei nur etwa 30 Prozent.

Der moderne Mensch kommt nicht ohne Kunststoffe aus.

Prof. Dr. Achim Frick
Hochschule Aalen

Müll nicht in die Umwelt zu werfen, sollte doch eigentlich selbstverständlich sein?

Es wäre eine gute Voraussetzung, wenn hier global ein größeres Bewusstsein geschaffen werden könnte und zwar aus ökologischer aber auch ökonomischer Sicht. Im schlimmsten Fall entspricht der bis heute in die Umwelt eingetragene Kunststoffabfall einem Wert von etwa 2,2 Billionen Euro Rohöläquivalent. Es gibt also gute Gründe für einen sorgsamen Umgang mit Ressourcen. Das ist das eine. Aber die Diskussion sollte auch insgesamt entspannter und faktenbasierter sein. Der stofflichen Wiederverwertung sind Grenzen gesetzt, das ist beim Papier aber genau so. Papier lebt von der Faserlänge. Bei Kunststoff ist es die Kettenlänge der Makromoleküle. Wenn ein werkstoffliches Recycling bei Kunststoffen an stoffliche Grenzen stößt, kann immer noch die Energie rückgewonnen werden.

Ein Argument lautet, dass Papier ökologischer sei als Kunststoff und biologisch abbaubar.

Dieses Argument ist nicht grundsätzlich haltbar. Kunststoffe haben im Vergleich mit Karton und Mehrweg-Glasverpackungen eine überlegene Ökobilanz und sind Dosen und Einweg-Glasverpackungen etwa zehnfach überlegen. Andererseits ist eine Forderung nach biologischer Abbaubarkeit keine generelle Lösung. Das induziert bei vielen Verbrauchern, dass er ein Produkt einfach so wegwerfen darf. Aber das ist falsch. Kunststoff ist kein reines Verpackungsmaterial. Nur 30 Prozent des Kunststoffverbrauchs ist für Verpackungen. Kunststoffe finden heute Anwendung in allen Lebensbereichen, nicht zuletzt im Sport- und Freizeitbereich.

Was ist der Hauptvorteil vom Kunststoff?

Es gibt viele gute Gründe für Kunststoff. Kunststoffe sind eine eigenständige Werkstoffklasse, mit extremem Leichtbaupotenzial. Die Dichte bei Kunststoffen beträgt etwa ein Gramm pro Kubikzentimeter, bei Aluminium ist der Wert 2,5 und bei Stahl 7,6. Dabei ist die Herstellung des Kunststoffgehäuses wesentlich energieeffizienter.

Was bedeutet das letztlich für die Anwendung?

Der moderne Mensch kommt ohne Kunststoffe nicht aus. Kunststoffe besitzen Eigenschaften, die mit keinem anderen Werkstoff erreichbar sind. Deswegen finden Kunststoffe in Autoreifen, bei Stromkabelisolierungen, in Smartphones, in Hygieneartikeln als Superabsorber, als Prothesenwerkstoffe in der Medizintechnik oder als Werkstoff für Skier und Skistiefel Verwendung. Die Alternative für einen Skistiefel aus Kunststoff wäre ein rindslederner mit einer eingenähten Schweinsblase für die Wasserdichtheit.

© Wirtschaft Regional 30.07.2019 19:38
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