Strenesse erneut insolvent

Modebranche Trotz rigiden Sparkurses und neuen Investors muss sich das Nördlinger Traditionsunternehmen erneut sanieren. Die Gründe sind vielfältig.
  • Stammsitz in Nördlingen: Wo einst mehr als 200 Mitarbeiter für Strenesse tätig waren, bangen nun noch 60 Menschen um ihren Arbeitsplatz. Foto: ham

Nördlingen

Noch vor wenigen Wochen verkündete Strenesse einen öffentlichkeitswirksamen Auftrag: Die Moderatoren des Bezahlsenders Sky tragen künftig auch Kleidung aus Nördlingen. Gut fürs Marketing, aber es half nichts: Heuer musste das Traditionsunternehmen erneut Insolvenz anmelden. Die nach der ersten Schieflage gegründete Strenesse New GmbH hat beim zuständigen Amtsgericht einen Insolvenzantrag gestellt.

Man wolle sich mit diesem Schritt von weiteren Belastungen der früheren Strenesse AG frei machen, sagte eine Unternehmenssprecherin. Der Geschäftsbetrieb werde aber nahtlos fortgeführt. Am Standort Nördlingen sind aktuell noch rund 60 Mitarbeiter beschäftigt, vor fünf Jahren waren es noch rund 240. Aktuell verfügt Strenesse noch über sieben Läden in Innenstädten und sechs in sogenannten Outlet-Centern.

Die übernommenen Betriebs- und Vertriebsstrukturen der ehemaligen Strenesse AG hätten sich „nur bedingt anpassungsfähig erwiesen“, schreibt das Manager Magazin unter Berufung auf eine dem Medium vorliegende Mitteilung. „Die Eigenverwaltung eröffnet uns die Chance, die aus der Vergangenheit übernommenen Belastungen und Verpflichtungen anzupassen“, schreibt Geschäftsführerin Micaela Sabatier.

Die Kollektionsentwicklung, die Produktion und die Auslieferungen wolle Strenesse weiterführen. Sabatier soll das Unternehmen auch künftig operativ führen, bekommt aber den Sanierungsexperten Hubert Ampferl von der Kanzlei Beck & Partner an die Seite gestellt. Ampferl soll die Sanierung überwachen. Zum vorläufigen Sachwalter wurde der Rechtsanwalt Martin Hörmann bestellt.

Deutscher Modemarkt befindet sich im massiven Wandel

Strenesse hatte bereits im Jahr 2014 ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt, das später in ein reguläres Verfahren umgewandelt wurde. Ende 2016 hatte dann eine Schweizer Holding H2P das Unternehmen übernommen. Ein zuvor geplanter Verkauf an einen niederländischen Investor war gescheitert. Die Schweizer gründeten nach der Übernahme dann jene neue Gesellschaft, die nun wieder in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten ist. Dabei hatte das Unternehmen massiv gespart: Zahlreiche Läden wurden geschlossen, Personal abgebaut und die Kosten um rund 40 Prozent gesenkt. Auch die Produktlinien und die Designsprache wurden erneuert. Alle Maßnahmen waren aber offenbar vorerst umsonst.

Strenesse hat nicht nur mit eigenen Fehlern, sondern auch mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie andere Modemarken aus dem sogenannten Mittelpreis-Segment. Auch Esprit und Tom Tailor befinden sich seit Jahren in schwieriger bis prekärer Lage. Neben einer zu schnellen Expansion mit eigenen Läden geraten diese Marken und Unternehmen von zwei Seiten unter Druck: Modeketten wie Primark setzen etablierte Firmen durch eine aggressive Niedrigpreisstrategie permanent unter Druck. Zum anderen greifen ehemalige Kunden nicht nur vermehrt zu billigerer Kleidung, sondern auch zu teurerer: Luxusmarken florieren. Der Modemarkt in Deutschland verändert sich seit Jahren, Traditionsmarken wie Strenesse gehören zu den Verlierern.

Vor der Schieflage vor fünf Jahren gehörte das Unternehmen mehr als sechs Jahrzehnte der Gründerfamilie Strehle. Viele Jahre galt Strenesse als eines der Mode-Aushängeschilder Deutschlands, auch die Fußball-Nationalmannschaft der Herren statteten die Nördlinger aus.

© Wirtschaft Regional 10.07.2019 17:30
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