Nachbarn müssen mit Strom helfen

An drei Tagen im Juni fehlten im deutschen Netz erhebliche Produktionskapazitäten. Eigene Reserven reichten zum Ausgleich nicht aus. Die Ursachen für die Engpässe sind noch nicht geklärt.
  • Leitzentrale eines Kohlekraftwerks: Stromengpässe erfordern rasche Reaktionen. Foto: ©Alessia Pierdomenico/Shutterstock.com
Hektik in den Schaltzentralen der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber gleich an drei Tagen: Am 6., 12. und 25. Juni stellten die Techniker fest, dass erheblich weniger Strom in die deutschen Leitungen eingespeist als geplant und nachgefragt wurde. Die Folge: Die Netzfrequenz sank im gesamten europäischen Verbundsystem unter 50 Hertz. Um das Netz stabil zu halten, müssen die Elektronen 50 Mal in der Sekunde in der Leitung hin und her pendeln, sonst entsteht Instabilität. Die Folge: Stromausfall, Blackout.

Nun konnten die Netzbetreiber die zu niedrige Stromeinspeisung ausgleichen. Allerdings reichte die dafür vorgesehene Regelenergie mit einer Leistung von 3 Gigawatt nicht aus. Es fehlten insgesamt 6 Gigawatt (6 Millionen Kilowatt) Leistung. Um die fehlenden Kapazitäten zu beschaffen, mussten europäische Nachbarn aushelfen. „Die Lage war angespannt und konnte nur mit Unterstützung der europäischen Partner gemeistert werden“, teilt TransnetBW mit, der Übertragungsnetzbetreiber für den Südwesten.

Wie kam es zu dieser Strom-Unterversorgung an drei normalen Wochentagen? „Wir müssen dies noch genau untersuchen“, erklärt Transnet-Sprecherin Regina König. Das kann bis zu acht Wochen dauern, da die großen Netzbetreiber gemeinsam mit der Bundesnetzagentur die zahlreichen Bilanzkreisabrechnungen prüfen müssen. Solche Bilanzkreise macht im Prinzip jeder auf, der Strom an der Börse ein- und verkauft.

Konsequenzen aus den Vorfällen haben die Netzbetreiber jedoch gezogen, um die Sicherheit der Stromversorgung zu gewährleisten. Bereits am 29. Juni haben sie die Ausschreibungsmenge für Regelenergie deutlich erhöht, um künftig solche Angebotsengpässe über die „Minutenreserve“ ausgleichen zu können. Das wäre erst am 1. Juli erfolgt. Ein Großkraftwerke verfügt über eine Leistung von 1 Gigawatt.

Claudia Kemfert, Energiewirtschaftlerin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, nannte das Mischpreisverfahren als mögliche Ursache für den Angebotsengpass. Es ist im vergangenen Jahr eingeführt worden, um Preisspekulationen mit der Minutenreserve an der Strombörse zu verhindern. Am 17. Oktober 2017 war der Preis für eine Megawattstunde Strom in diesem Segment auf satte 77 777 Euro geklettert. Sonst erzielt diese Strommenge rund 40 Euro.

Jetzt wird der Reservepreis aus zwei Komponenten berechnet. Es gibt Geld für die Dauer der vorgehaltenen Stromleistung und den Arbeitspreis, wenn Elektrizität abgerufen wird.

Andere Experten betonen, dass zwar die Angebote für solche Minutenreserven zurückgegangen seien, als Hauptgrund für den Engpass im Juni können sie sich das aber nicht vorstellen. Möglich sei aber, dass Bilanzkreise nicht mehr so exakt ausgeglichen würden. Gerüchteweise heißt es, ein halbautomatisches Handelstool habe nicht funktioniert und den Engpass verursacht. „Doch mehr als eine Spekulation ist das nicht“, sagt einer.

An eine Unterdeckung des Stromangebots in dieser Höhe in den vergangenen Jahren können sich Energieexperten übrigens nicht erinnern. Zuletzt mussten die Regelreserven am 14. Dezember 2018 abgerufen werden. Die deutschen Reserven reichten dafür aber aus.
© Südwest Presse 03.07.2019 07:45
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