Wenn Computer Hemden entwerfen

Kreativforum Im AAccelerator Aalen werfen Kreativschaffende einen Blick auf die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz in Bereichen wie Musik und Mode – und ihre Gefahren.
  • Mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz, ihren Anwendungsfeldern und ihren Gefahren haben sich Kreativschaffende im Aalener AAccelerator beschäftigt. Fotos: Peter Hageneder
  • Die Referenten Timo Dufner (links) und Jens Schindel.

Aalen

Künstliche Intelligenz (KI) kann helfen, dass uns Klamotten besser passen und uns bei der Wahl der neuen Autoscheinwerfer unterstützen. Sie kann aber auch ein Eigenleben entwickeln und eine eigene Sprache erfinden. Und sie arbeitet wie ein Mensch, der nach Regelbuch chinesische Fragen beantwortet: Das und vieles mehr erfuhren rund 80 Besucher beim 5. Kreativforum im AAccelerator Aalen.

Die Stadt Aalen, die Kontaktstelle Frau und Beruf Ostwürttemberg-Ostalbkreis, die Hochschule für Gestaltung (HfG) Schwäbisch Gmünd und die regionale Wirtschaftsförderung WiRO hatten Macher aus der Kreativbranche zu dem Vortrags- und Netzwerkabend eingeladen.

Wie künstliche neuronale Netze das menschliche Gehirn imitieren, erklärten die Tübinger Medienkünstler Timo Dufner und Jens Schindel anhand eines Gedankenexperiments des Philosophen John Searle: Ein Mensch in einem geschlossenen Raum erhält Fragen in chinesischen Schriftzeichen gereicht. Mithilfe einer Gebrauchsanweisung wählt er Antworten aus und gibt diese heraus. Die Schlussfolgerung, die Person im Raum beherrsche Chinesisch, ist genauso falsch wie die Annahme, künstliche neuronale Netze verfügten über menschliche Intelligenz: Sie erkennen vielmehr statistische Muster und wenden Regeln an.

Dufner und Schindel präsentierten Assistenzsysteme, in denen künstliche neuronale Netze Melodien vervollständigen oder in Echtzeit Untertitel für Videos erstellen. Sie wiesen aber auch auf die Gefahr des Kontrollverlustes hin: Was ist, wenn KI selbst Entscheidungen trifft? In einem aktuellen Fall habe eine künstliche Intelligenz während eines Experiments ihre eigene Sprache erschaffen, welcher selbst die Programmierer nicht mehr folgen konnten.

Dieter Stellmach vom Deutschen Institut für Textil- und Faserforschung (DITF) in Denkendorf zeigte auf, wie künstliche Intelligenz bei der Suche nach der idealen Passform von Kleidung – jenseits von Konfektionsgrößen – helfen kann. Auch hier unterstützen die Computer nur, menschliches Expertenwissen ist laut Stellmach weiter unerlässlich.

Müssen wir Angst vor KI haben?

Carina Nitschke
WIrtschaftsförderung Stadt Aalen

Patrick Lischka, Head of Digital Division der Agentur Graustich in Heidenheim, stellte eine App vor, die das Unternehmen für den Lampenhersteller Osram entwickelt hat. Mit dem Mittel der erweiterten Realität (Augmented Reality) können Kunden ihr Smartphone auf das eigene Auto halten und sich an ihrem Fahrzeug verschiedene neue Scheinwerfer zeigen lassen – so, als wären sie eingebaut. Die Software wurde dazu mit 3D-Daten verschiedener Fahrzeugmodelle gefüttert und erkennt selbstständig, wo es die virtuellen Scheinwerfer platzieren muss.

Kreativwirtschaft als zentraler Innovationstreiber

Solche Ideen voller Erfindergeist lobte WiRO-Geschäftsführerin Nadine Kaiser, die gemeinsam mit Projektleiterin Simone Jansen zu den Organisatorinnen des Kreativforums gehörte, als „zentralen Innovationstreiber“. Dafür sorgten rund 2500 Unternehmen und Akteure in der Kultur- und Kreativwirtschaft Ostwürttembergs. Für die HfG Gmünd trat Rektor Prof. Ralf Dringenberg vor die Kreativschaffenden, die mit den Veranstaltern und Referenten noch zahlreiche Fragen zur künstlichen Intelligenz ansprachen und erörterten.

Carolin Morlock von der Kontaktstelle Frau und Beruf wies auf die Gefahr hin, dass Mechanismen künstlicher Intelligenz sexistische und minderheitenfeindliche Tendenzen verstärken können: Dem solle die sogenannte Gendered Innovation entgegenwirken. Carina Nitschke von der Wirtschaftsförderung der Stadt Aalen griff ethische Aspekte der Künstlichen Intelligenz auf: Welche Gesellschaft wollen wir sein, welche Entscheidungen möchten wir dem System überlassen, müssen wir Angst vor KI haben?

Studierende der HfG Gmünd, und Verantwortliche des Start-ups Amnis Artifical Intelligence präsentierten abschließend Projekte, die sich etwa mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz bei der Diagnose von Krankheiten und der gezielten Steuerung von Geräten mithilfe von bloßen Gedanken befassen.

© Wirtschaft Regional 24.05.2019 17:11
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