Lindenfarb: 97 Entlassungen

Insolvenz Beim zahlungsunfähigen Textilveredler muss fast ein Drittel der Belegschaft gehen. Die Suche nach einem Investor geht derweil weiter.
  • Blick auf die Fabrik von Lindenfarb in Unterkochen. Foto: Archiv

Aalen

Es war nur eine Frage der Zeit, nun herrscht Gewissheit: Beim insolventen Textilveredler Lindenfarb werden 97 der zuvor 324 Mitarbeiter entlassen. Der Sprecher des Sanierungsgeschäftsführers Detlef Specovius bestätigte die Zahlen auf Anfrage dieser Zeitung. Bei einer Betriebsversammlung am Montag wurden die Beschäftigten über die Einschnitte informiert. Wie der Sprecher weiter erklärte, sei der Schritt angesichts des massiv gesunkenen Umsatzes sowie der Entscheidung der Arbeitsagentur Aalen, den Beschäftigten kein Insolvenzgeld zu bezahlen, unausweichlich gewesen. „Wir müssen die Zahl der Mitarbeiter entsprechend des Geschäftsverlaufs anpassen“, erläuterte der Sprecher weiter.

Offenbar gibt es in den Führungsebenen der Lindenfarb große Einschnitte, vor allem in der Verwaltung werden Stellen gestrichen. „Das Ziel ist, Doppelstrukturen abzuschaffen und Hierarchieebenen aufzulösen“, so der Sprecher weiter. Doch der Großteil der Arbeitsplätze wird in der Produktion abgebaut. „Es ist leider so, dass die Löhne und Gehälter für ein Unternehmen in der Insolvenz ein sehr großer Kostenfaktor sind“, so der Sprecher. „Wir sind alle geschockt, dennoch werden wir weiter arbeiten und alles dafür tun, dass die Lindenfarb eine Zukunft hat“, sagte Betriebsratschefin Katja Kalkreuter. Da das Unternehmen extrem knapp bei Kasse ist, gibt es keine Transfergesellschaft. Ob ein Sozialplan erstellt werden kann, ist ebenso unsicher. „Bei den Mitarbeitern herrschen Wut, Trauer und Unverständnis über diesen Schnitt, der eine direkte Folge der Weigerung der Arbeitsagentur ist“, erklärte Cynthia Schneider von der IG Metall.

Sie und Kalkreuter können die Entscheidung des Geschäftsführers Specovius nachvollziehen. Der Jahresumsatz werde voraussichtlich von 35 auf 22 Millionen Euro sinken, eine Umorganisation sei deshalb unausweichlich. „Die Zusammenarbeit mit Herrn Specovius ist weiter sehr gut“, erklärte Kalkreuter. Der Betriebsrat sei bei der Ausarbeitung der neuen Organisation einbezogen worden.

Wenn wir jetzt resignieren, haben wir keine Chance.

Katja Kalkreuter
Betriebsratschefin Lindenfarb

Der massive Abbau von Arbeitsplätzen geht vor allem auf die Entscheidung der Arbeitsagentur Aalen zurück, den Beschäftigten kein Insolvenzgeld zu zahlen. Die Agentur hatte vor rund vier Wochen argumentiert, es läge kein neues Insolvenzereignis vor, da die neuerliche Zahlungsfähigkeit mit dem ersten Schutzschirmverfahren von 2016/17 zusammenhänge. Damals hatte der Münchner Investor Radial Capital Partners das Unternehmen übernommen und Michael Nier als neuen Geschäftsführer installiert. Allerdings gelang es weder Investor noch neuem Chef, das Unternehmen nachhaltig zu sanieren, die Folge war der neuerliche Insolvenzantrag Mitte März.

Um den Betrieb Anfang April überhaupt am Leben zu erhalten, war Specovius auf der Suche nach alternativen Finanzierungsquellen und war im Kundenkreis des Textilveredlers fündig geworden. Wie aus einem Eintrag in das Handelsregister hervorgeht, hatten vier Kunden aus Baden-Württemberg der Lindenfarb mit insgesamt vier Millionen Euro den laufenden Betrieb gesichert.

Unterdessen geht die Suche nach einem Investor weiter. Weder der Sprecher von Specovius noch Betriebsratschefin Kalkreuter wollten sich dazu detailliert äußern. Allerdings soll es Interessenten für eine Übernahme geben, die Verhandlungen laufen bereits. Die Stimmung in der Belegschaft fasst Kalkreuter so zusammen: „Wenn wir jetzt resignieren, haben wir keine Chance. Deshalb kämpfen wir weiter.“

© Wirtschaft Regional 30.04.2019 17:00
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