ZF schluckt Wabco und gibt Hybrid eine Chance

Jahresbilanz Der Autozulieferer will weltweite Nummer drei in seiner Branche werden, ein Großauftrag von BMW hilft dabei – Selbstfahrende Nutzfahrzeuge sollen den breit aufgestellten Systemanbieter in die Zukunft befördern. Von Bernhard Hampp
Der ZF-Konzern ist auf dem Weg zum weltweit drittgrößten Automobilzulieferer - hinter Bosch und Continental. Dafür soll die Übernahme des US-Bremsenherstellers Wabco sorgen, wie ZF-Vorstandschef Wolf-Henning Scheider am Firmensitz am Bodensee bekannt gab.

Einerseits kämpft der Konzern mit 149 000 Mitarbeitern – davon 1900 am Standort Alfdorf – mit der aktuellen Auto-Absatzflaute, speziell in China. Andererseits will Scheider das Unternehmen unter dem Slogan „Next Generation Mobility“ zum umfassenden, breit aufgestellten Systemzulieferer machen: Die Friedrichshafener setzen mehr auf Hybridantriebe denn auf reine Elektromobilität, selbst fahrende Autos sollen eher im Nutzfahrzeug- als im Pkw-Bereich entwickelt werden. Ein Großauftrag der BMW-Gruppe verschafft dem Konzern Luft.


Der Übernahme des Bremsenherstellers Wabco mit 16 000 Mitarbeitern für rund 6,2 Milliarden Euro muss noch die Mehrheit der Wabco-Aktionäre zustimmen. ZF erwartet, dass die Transaktion nach Genehmigung durch die zuständigen Behörden Anfang 2020 abgeschlossen wird. Der Zulieferer erhofft sich von dem Zukauf auch zusätzliches Know-how beim autonomen Fahren. ZF decke mit den Komponenten von Wabco sämtliche Technologien für Robotaxis ab, sagte Scheider.


Wie die Automobil- und Zulieferindustrie befindet sich ZF in einer Umbruchphase, in der bisherige Geschäftsmodelle unter die Räder kommen. Die Unsicherheit auf den weltweiten Märkten ist greifbar: auch in den Geschäftszahlen für 2018 die Finanzvorstand Konstantin Sauer verkündete. Zwar konnte der Umsatz um sechs Prozent auf 36,9 Milliarden Euro gesteigert werden, aber der Gewinn sank: Das bereinigte operative Ergebnis betrug 2,1 Milliarden Euro (Vorjahr: 2,3 Milliarden), die bereinigte Ebit-Marge fiel von 6,4 auf 5,6 Milliarden. Im kommenden Jahr rechnet der Konzern mit einem Umsatz von 37 bis 38 Milliarden und mit einer bereinigten Ebit-Marge von 5 bis 5,5 Prozent, so Sauers Ausblick. Mögliche Einfuhrzölle sind in der Prognose nicht berücksichtig.


2019 wird kein einfaches Jahr für die Automobilindustrie: Das machte Vorstandschef Scheider deutlich. Im wichtigen chinesischen Markt seien die Autoverkäufe bereits in den letzten Monaten 2018 zurückgegangen. Auch in den ersten beiden Monaten 2019 setzte sich dieser Rückgang im jeweils zweistelligen Bereich fort. Gegenhalten will ZF auch mit Forschung und Entwicklung. In diesem Bereich sind weltweit 17.000 Mitarbeiter tätig. Nun hat der Konzern zudem den größten Einzelauftrag der Firmengeschichte an Land gezogen: ZF liefert für einen zweistelligen Milliardenwert das weiterentwickelte 8-Gang-Automatgetriebe für einen Großteil der BMW-Modelle. Die Plug-in-Hybridtechnik, die dabei zum Zuge kommt, ist für Konzernchef Scheider ein wichtiges Zukunftsfeld und kurzfristig wichtiger als reine Elektroantriebe. Die CO2-Bilanz der Hybride sei insgesamt besser als bei rein elektrisch betrieben Fahrzeugen, wenn auch Herstellung der Batterien und die Erzeugung des benötigten Stroms berücksichtigt würden. „Hybrid für viele Jahre, mindestens ein Jahrzehnt, eine sehr gute Lösung für die Verbraucher“, führte Scheider aus. ZF setze weiter auf individuelle Mobilität der Kunden, die automatisiert, komfortabel und bezahlbar sein müsse. Intensiv beackere man die vier Felder Fahrzeug-Physik, Sicherheitstechnik – Standort Alfdorf – elektrisches Fahren und automatisiertes Fahren. Rein elektrisches Fahren treibt ZF in einem Joint Venture mit der Aachener Firma e.GO Mobile voran. Ein elektrisch und autonom fahrender Kleinbus, der „e.GO-Mover“ wird ab Oktober in Friedrichshafen und Aachen unterwegs sein – allerdings noch mit einem Sicherheitsfahrer an Bord.


Mitte März hat ZF außerdem 60 Prozent am Transportunternehmen 2getthere aus dem niederländischen Utrecht gekauft. 1984 gegründet, setzt 2getthere fahrerlose Fahrzeuge in Flughäfen, Häfen und abgeschlossenen Stadtvierteln weltweit ein - mit diesen wurden bislang mehr als 14 Millionen Personen befördert. Fahrerlos sollen nach der ZF-Philosophie zunächst vor allem Nutzfahrzeuge werden. Für Pkw-Privatkunden sei die Technologie zurzeit noch zu teuer, betonte Scheider. Automatisierte Fahrfunktionen im Nutzfahrzeugbereich würden vor allem Gebieten mit geringer Komplexität und Verkehrsdichte – etwa Werksgeländen, Flughäfen und in der Landwirtschaft – nachgefragt werden und dort für Wachstum sorgen.

© Wirtschaft Regional 17.04.2019 13:38
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