Scannen statt warten

Im Zeitalter des mühelosen Online-Shoppings suchen Handelskonzerne nach einer Zauberformel gegen das nervige Schlangestehen an den Kassen. Smartphones könnten die Lösung sein.
  • Ein Kunde scannt beim Einkauf in einem Rewe-Markt die Ware mit seinem Handy. So sollen lange Schlangen an Kassen vermieden werden. Foto: Henning Kaiser/dpa
Nichts ärgert die deutschen Verbraucher beim Einkaufen so sehr wie lange Schlangen an der Ladenkasse. Das zeigen Studien immer wieder. Kein Wunder, dass Händler nach Wegen suchen, das verhasste Anstehen zu vermeiden.

Beispiel Rewe: In einem großen Einkaufscenter in Köln-Rodenkirchen bietet der Handelsriese den Kunden die Möglichkeit, die Einkäufe direkt zu scannen, wenn sie sie in den Einkaufswagen legen. Entweder mit einem vom Laden zur Verfügung gestellten Scanner oder auch – nach dem Herunterladen der notwendigen App – mit dem eigenen Smartphone.

Beim Selbsttest funktioniert das Ganze auf Anhieb erstaunlich gut. Die Milchpackung, die Dosensuppe oder der Sprudel werden kurz vor das in eine Halterung am Einkaufswagen eingeklemmte Handy gehalten, der Strichcode gescannt und schon erscheint der Artikel in einer übersichtlichen Liste auf dem Handy-Display – einschließlich des Gesamtpreises der bisher eingescannten Ware.

Am Ende des Einkaufs wird die Liste mit den eingekauften Produkten in Sekundenschnelle an die Selbstbedienungskasse übertragen und automatisch die Rechnung erstellt. Das langwierige Aus- und Einpacken an der Kasse entfällt. Einzige Voraussetzung, um das Angebot nutzen zu können: eine Payback-Karte. „So wollen wird die Warteschlangen an der Kasse reduzieren“, sagt Rewe-Projektleiterin Julia Volks.

Der Druck auf Rewe und die anderen Händler ist groß. Denn nach dem „Adyen Retail Report 2018“, einer repräsentativen Umfrage unter 1000 Konsumenten, empfinden 58 Prozent der Kunden Warteschlangen als größtes Ärgernis beim Shoppen. Fast zwei Drittel der Befragten gaben sogar an, sie hätten wegen einer Warteschlange schon einmal ein Geschäft ohne einzukaufen verlassen – die Höchststrafe für Händler.

Allein ist Deutschlands zweitgrößter Lebensmittelhändler mit seinem Vorstoß deshalb auch nicht. Ob Edeka, Saturn oder Globus – immer mehr Händler suchen im Zeitalter des mühelosen Online-Shoppings nach einer Zauberformel gegen die ärgerlichen Kassenschlangen.

Die Elektronikkette Saturn etwa bietet seit Ende vergangenen Jahres den Kunden in ihrer größten Filiale in der Hamburger Innenstadt die Möglichkeit, die mehr als 100 000 Produkte direkt am Regal zu kaufen und per Kreditkarte oder etwa Paypal zu bezahlen. Zwar muss der Kunde dann doch noch an einen Schalter, um die mit dem Smartphone gescannte Ware freischalten zu lassen, damit er die Filiale unbehelligt verlassen kann. Dennoch ist das Angebot laut Saturn beliebt. „Es läuft sehr gut“, fasst eine Saturn-Sprecherin die ersten Erfahrungen zusammen.

Das Scannen direkt beim Einkauf ist zwar noch die Ausnahme, doch Selbstbedienungskassen, an denen der Kunde die Waren nach dem Einkauf selbst erfasst, gibt es häufiger. Die Selbstbedienungskassen seien vor allem bei Kunden mit kleineren Einkäufen beliebt, die mit zwei oder drei Teilen nicht in der Schlange stehen wollten, sagt Rewe-Expertin Volks. Das Self-Scanning unmittelbar während des Einkaufens werde dagegen mehr bei großen Einkäufen genutzt.

Im internationalen Vergleich ist Deutschland beim Thema Self-Scanning allerdings ein Nachzügler. Und das liegt wohl auch an den Verbrauchern selbst. Viele Konsumenten fremdeln noch im Umgang mit den ungewohnten Geräten und stellen sich am Ende doch oft lieber in die verhasste Warteschlange.

Erich Reimann
© Südwest Presse 16.04.2019 07:46
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