Schlampige Statistik

Die Bundesagentur für Arbeit hat viele Langzeitarbeitslose falsch erfasst, hat der Bundesrechnungshof ermittelt. Künftig überprüft sie ihre Zahlen genauer.
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Weil die Jobcenter Langzeitarbeitslose falsch erfassen, gibt es etwa 115 000 Arbeitslose mehr, als die Bundesagentur für Arbeit (BA) ausweist. Auf diese Kritik des Bundesrechnungshofs hat die BA jetzt reagiert: Die Jobcenter wurden verpflichtet, regelmäßig automatisierte Prüfsysteme zu nutzen, um Fehler zu korrigieren. Für den März hatte die BA 2,46 Mio. Arbeitslose ausgewiesen. Das wirft einige Fragen auf.



Was ist das Problem? Der Bundesrechnungshof hat im April 2017 bei 770 von rund 3 Mio. Datensätzen der Jobcenter überprüft, ob der Status wie „arbeitslos“ richtig erfasst war. Aus dieser relativ kleinen Stichprobe hat er hochgerechnet, dass er theoretisch in 290 000 Fällen bundesweit fehlerhaft sein könnte. In 115 000 Fällen hätten die Kunden eigentlich als arbeitslos gezählt werden müssen, bestätigte die BA den bisher unveröffentlichten Bericht.



Wie konnte es dazu kommen? Die BA betont, auch nach Ansicht der Prüfer handle es sich nicht um bewusste Manipulation oder systematische Fehler. Vielmehr könne es sein, dass ein Betreuer nach einem Gespräch mit dem Arbeitslosen vergesse, dessen Status zu aktualisieren. Wenn ein Termin etwa aufgrund von Krankheit nicht zustande komme, dürfe der BA-Mitarbeiter den Status nicht von sich aus korrigieren.



Was macht die BA, um Fehler zu vermeiden? Sie hat die Jobcenter verpflichtet, regelmäßig ein automatisiertes Prüfsystem zu nutzen. Es soll Fälle aufspüren, in denen der Status oder die Daten von Arbeitslosen im IT-System der BA unplausibel oder unstimmig erscheinen. Zudem will sie die Mitarbeiter der Jobcenter stärker dafür sensibilisieren, dass die korrekte Erfassung des Status wichtig ist für die Datenerhebung.



Sind die Zahlen der BA öfter geschönt? Diesen Vorwurf weist sie zurück. Sie zähle alle Personen, die zum Stichtag den Status „arbeitslos“ hatten. Allerdings gibt sie zu, dass es eine „statistische Fehlertoleranz“ gibt. Auch wenn die absoluten Zahlen nie bis zur letzten Person korrekt sein könnten und es eine „geringfügige Unterzeichnung der Arbeitslosenzahl“ geben könne, gäben ihre Statistiken das Niveau sowie die Veränderungen und Trends korrekt wieder. Allerdings kann die BA nur ausweisen, was ihr Regierung und Bundestag vorgegeben haben. So gelten die Teilnehmer an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik, etwa zur beruflichen Weiterbildung, seit 2004 nicht mehr als arbeitslos. Seit 2008 werden Hartz-IV-Bezieher ab 59 nicht mehr erfasst, wenn ihnen ein Jahr lang keine Beschäftigung angeboten wurde. Die BA hatte damals gewarnt, ihr könne die Manipulation von Arbeitslosenzahlen vorgeworfen werden.



Weist die BA solche Fälle gar nicht aus? Doch. Zusammen mit der Zahl der Arbeitslosen nennt sie jeden Monat auch die Unterbeschäftigung. Dabei berücksichtigt sie in drei Schritten weitere Gruppen: Zur „Arbeitslosigkeit im weiteren Sinn“ zählen auch berufliche Eingliederung und Ältere. Werden auch verschiedene Fördermaßnahmen sowie kurzfristige Arbeitsunfähigkeit berücksichtigt, ergibt sich die „Unterbeschäftigung im engeren Sinn“. Die Zahl „im weiteren Sinn“ umfasst zudem neue Selbständige, die einen Gründungszuschuss erhalten. Im März betrug die Unterbeschäftigung 3,25 Millionen.



Warum veröffentlicht das Statistische Bundesamt andere Zahlen? Um internationale Vergleich möglich zu machen, errechnet es die Zahl der Erwerbslosen nach den Regeln der Internatioanlen Arbeitsorganisation (ILO). Im Februar waren es 1,36 Millionen. Basis ist eine monatliche repräsentative Umfrage. Dabei werden auch 15- bis 74-Jährige berücksichtigt, die sich nicht arbeitslos gemeldet haben, aber aktiv nach einer Erwerbstätigkeit suchen.

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© Südwest Presse 16.04.2019 07:46
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