Warum Zeiss immer digitaler wird

Wirtschaftsgespräch Matthias Metz erklärt bei der Gesprächsreihe in Oberkochen, wie Zeiss die Digitalisierung vorantreibt. Innovation ist dabei ein wichtiger Faktor – aber nur einer von vielen.
  • Matthias Metz, Vorstandsmitglied bei Zeiss und unter anderem für den Bereich „Consumer Products“ (etwa Brillengläser und Objektive) verantwortlich. Foto: Peter Hageneder

Oberkochen

Rund 5,8 Milliarden Euro Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr, 30 000 Mitarbeiter weltweit, 50 Millionen verkaufte Brillengläser pro Jahr und Technologie, die Lithographie-Strukturen ermöglicht, die 4000 mal kleiner als ein menschliches Haar sind – ohne die wiederum keine Chips in Computern oder Smartphones möglich wären: Zeiss ist nicht nur der größte Arbeitgeber der Region, sondern ein globaler Konzern.

Während des Wirtschaftsgesprächs, das von IHK, Handwerkskammer, dem Ostalbkreis und dem Landkreis Heidenheim veranstaltet wird, gab Zeiss-Vorstandsmitglied Matthias Metz nicht nur Einblick die Zahlen des Unternehmens – sondern erklärte, wie der Konzern den Megatrend Digitalisierung nicht nur antizipiert, sondern entscheidend vorantreibt.

Die vier Sparten Halbleitertechnologie, Industrielle Messtechnik, Medizintechnik sowie das Objektiv- und Brillenglasgeschäft richteten sich laut Metz zwar an unterschiedliche Kundengruppen, befänden sich aber dank der Megatrends Digitalisierung, Miniaturisierung, neue Mobilität sowie des demografischen Wandels in ständiger Bewegung. „Wir profitieren von diesen Trends“, so Metz. Die Halbleitertechnik sei ein wichtiger Taktgeber in der Branche. „Ohne uns ginge es technologisch nicht weiter“, sagt Metz – und meint die neuste EUV-Technologie, mit denen die Chips noch schneller, kleiner und besser hergestellt werden können.

Die industrielle Messtechnik wiederum verbinde Maschinen immer stärker und effizienter miteinander, dank des neuen Mobilfunkstandards 5G ist die voll vernetzte Fabrik eher eine Frage der Zeit denn Vision. Im Bereich Brillengläser hat Zeiss mit dem Visufit 1000 eine Anlage entwickelt, mit der Optiker einen digitalen Zwilling des Kunden erschaffen können, etwa um die Passform der Brille zu optimieren oder weitere Fassungen anzuprobieren, die der Optiker gar nicht vor Ort hat. In der Medizintechnik-Sparte wiederum treibt Zeiss mit innovativen Geräten wie dem „Kinevo 900“ die Technologisierung weiter voran. „Allein im Kinevo sind 100 Patente verbaut“, sagt Metz, der aber betont: „Innovation darf nie Selbstzweck sein: Nicht die Zahl der Patente ist wichtig, sondern die Rückmeldung der Kunden.“

Digitalisierung bedeutet dynamische Veränderung.

Matthias Metz
Zeiss-Vorstandsmitglied

Metz macht deutlich: „Digitalisierung entscheidet über die Zukunft. Es ist wichtig, diese Entwicklung nicht als Bedrohung, sondern als Riesenchance wahrzunehmen.“ Elementar sei, nicht jedem Trend hinterher zu laufen, sondern „langfristig strukturiert in einer dynamischen Umfeld zu agieren und ein tiefes Verständnis für den Bedarf des Kunden zu entwickeln“. Das gelte sowohl für den Endkunden, der sich für ein Zeiss-Brillenglas entscheiden soll, wie für den Industriekunden. Deshalb dürfe der Konzern sich nicht nur auf bloße Innovationen und den Prototypenbau konzentrieren, sondern mit diesen auch rechtzeitig am Markt sein. „Geschwindigkeit ist wichtig“, sagt Metz und nennt Google als Beispiel. „Vor 20 Jahren gab es noch andere Suchmaschinen, aber Google war halt schneller als die Konkurrenz.“

Zeiss hat eine klare Systematik für digitale Innovation entwickelt: Es brauche klare Rollen und Verantwortung innerhalb des Unternehmens, Kundenorientierung, agile Zusammenarbeit statt Silodenken, ein entsprechendes Neugeschäft und: Partnerschaften. „Man kann nicht alles selbst machen“, sagt Metz. Zeiss verfolgt Partnerschaften in allen Sparten: etwa mit dem niederländischen Chip-Anlagenbauer ASML, Microsoft, Cisco oder auch Maschinenbauern wie DMG Mori.

„Digitalisierung bedeutet dynamische Veränderung: Man muss sie annehmen und als Chance sowie als strategische Aufgabe begreifen“, erklärt Metz. Entsprechende Prozesse innerhalb des Unternehmen seien überdies wichtig – und eine Firmenkultur, die Mitarbeiter begeistere.

In seiner Begrüßung hatte IHK-Präsident Markus Maier zuvor nicht nur die Bedeutung von Zeiss als Unternehmen gelobt, dessen Innovationskraft und Spitzentechnologie neue Entwicklungen wie Digitalisierung, Globalisierung oder Miniaturisierung erst möglich machten. Er hob angesichts der Europawahl am 26. Mai die Bedeutung eines geeinten Europas für die Wirtschaft in Ostwürttemberg hervor und forderte weitere Anstrengungen, den Hochtechnologiestandort Baden-Württemberg durch Investitionen in die Infrastruktur wie zum Beispiel den Breitbandausbau weiter zu stärken. „Ich wünsche mir, dass man den Turbo zuschalten könnte. Wir müssen darauf achten, dass das Gefälle zwischen den Ballungsgebieten und Nicht-Ballungsgebieten nicht größer wird.“

© Wirtschaft Regional 10.04.2019 11:23
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