Entlassungen bei Lindenfarb

Entscheidung Arbeitsagentur bleibt dabei: Kein Insolvenzgeld – „Erhebliche Zahl von Mitarbeitern“ wird gekündigt, Kunden ermöglichen Weiterbetrieb.
  • Die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Vanessa Fuggenthaler ist fassungslos: „Es trifft nicht nur 324 Mitarbeiter, sondern auch ihre Familien.“ Fotos: Oliver Giers
  • Proteste des Lindenfarb-Betriebsrats vor dem Werk.
  • Elmar Zillert, Arbeitsagentur.

Aalen

Entsetzen, Wut und Trauer bei den 324 Beschäftigten des Textilveredlers Lindenfarb in Unterkochen: Sie bekommen kein Insolvenzgeld von der Arbeitsagentur. Die Agentur hatte ihr Nein zum Übergangsgeld bereits vergangene Woche angekündigt und nun endgültig bekräftigt. Das Traditionsunternehmen, das am 18. März Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt hat, wird nun in großem Stil Mitarbeiter entlassen. Der Betrieb soll dennoch vorerst weitergehen: Dafür sorgen Kunden von Lindenfarb mit ihrer finanziellen Unterstützung.

Sowohl Sanierungs-Geschäftsführer Detlef Specovius als auch Vertreter von Belegschaft und IG Metall hatten bis zuletzt gehofft, dass das Insolvenzgeld für die Monate März, April und Mai Unternehmen und Beschäftigten eine Verschnaufpause bei der Restrukturierung verschafft. Elmar Zillert, Chef der Arbeitsagentur Aalen, begründete die Ablehnung am Dienstag sichtlich geknickt: Seine Agentur sieht den neuerlichen Antrag auf ein Schutzschirmverfahren nicht als neues Insolvenzereignis, sondern als ein Erbe der ersten Lindenfarb-Insolvenz vor gut zwei Jahren. Bereits damals gab es drei Monate Insolvenzgeld von der Arbeitsagentur.

Dieses erste Verfahren sei unter der Bedingung aufgehoben worden, dass Lindenfarb mehrere Forderungen begleicht, so Zillert: So sollte am 30. Juni dieses Jahres nochmals ein Betrag von rund einer Million Euro fließen, den Lindenfarb aber nun nicht zahlen könne. „Die rechtliche Lage ist auf allen Ebenen der Agentur und des Bundesarbeitsministeriums geprüft worden“, betont Zillert. Auch ein über das Wochenende im Auftrag der IG Metall Aalen angefertigtes Rechtsgutachten habe keine neuen Erkenntnisse gebracht.

Für Detlef Specovius ist es ein „schwarzer Tag“: „Wir können nicht nachvollziehen, dass hier lieber Arbeitslosen- als Insolvenzgeld gezahlt wird“, erklärt der Sanierer, der bereits bei der ersten Insolvenz das Ruder bei Lindenfarb in der Hand hatte. Im Herbst 2017 hatte der Münchner Finanzinvestor Radial Capital Partners die Firma übernommen und nun den erneuten Insolvenzantrag gestellt: Die Umsätze bei Lindenfarb waren in Folge der Absatzkrise im Autohandel in den Monaten Januar und Februar um 30 Prozent eingebrochen. Das Unternehmen veredelt technische Textilien, etwa Dachhimmel für Autos.

Hoffnung auf einen Kunden als Investor

Specovius geht nun davon aus, dass noch im April „einer erheblichen Zahl von Mitarbeitern“ gekündigt werden muss. Genaue Zahlen nennt er noch nicht.

Wir können nicht nachvollziehen, dass hier lieber Arbeitslosen- als Insolvenzgeld gezahlt wird.

Detlef Specovius
Sanierungs-Geschäftsführer

Hoffnung gibt es dennoch – wenn auch nicht für alle: „Wir haben in den vergangen Tagen intensiv mit den Kunden gesprochen und Rückendeckung für unsere Sanierung erhalten. Die Kunden unterstützen uns, indem sie uns durch Massekredite und Vorauszahlungen wichtige Liquidität zur Verfügung stellen und so einen Fortbestand von Lindenfarb sichern. Damit gewinnen wir wichtige Zeit für eine Sanierung“, sagt der vom Amtsgericht Aalen zum vorläufigen Sachwalter bestellte Rechtsanwalt Dr. Tibor Braun.

„Wir müssen darauf hinarbeiten, dass aus dem unterstützenden Kunden ein Investor wird“, drückt Roland Hamm, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Aalen, seine Hoffnung aus.

Man werde nun umgehend mit dem Betriebsrat in Verhandlungen bezüglich eines Interessensausgleichs und Sozialplans treten, so Specovius. Eine Transfergesellschaft wird es angesichts fehlender finanzieller Mittel nicht geben.

Allerdings will das Unternehmen allen Mitarbeitern möglichst schnell den ausstehenden Märzlohn zahlen. Geld hätten Gewerkschaftsmitglieder unter den Beschäftigten auch aus einer Notkasse der IG Metall erhalten, wie Fachsekretärin Cynthia Schneider erklärt.

Sie berichtet von teils prekären Schicksalen: Manche Mitarbeiter seien mit der Miete bereits im Rückstand, andere liehen sich überall Geld. „Wir teilen die Rechtsauffassung der Arbeitsagentur nicht“, sagt sie und kündigt wie Detlef Specovius eine Klage gegen die Entscheidung an: „Wir gehen bis auf Bundesebene. Aber selbst, wenn wir irgendwann Recht bekommen, hilft das den Mitarbeitern nicht aus ihrer aktuellen Notlage.“

Vielen Mitarbeitern wird nun der Gang zur Arbeitsagentur bevorstehen, um Arbeitslosengeld I zu beantragen. Agenturchef Zillert verspricht, dass dieses in Notlagen bereits vor Ende des Monats ausgezahlt wird.

© Wirtschaft Regional 02.04.2019 17:52
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