So sicher wird das Auto von morgen

Autozulieferer In Alfdorf forscht ZF an der Autosicherheit der Zukunft. Wie die aussieht – und warum am Standort inzwischen mehr als 1900 Menschen für den Konzern arbeiten.
  • ZF-Standortleiter Michael Ruster (links) und Helmut Köditz, Geschäftsführer der TRW Automotive GmbH. Foto: rs

Alfdorf

Mehr als 1,3 Millionen Menschen sterben jährlich weltweit im Straßenverkehr. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr 3265 Verkehrstote, ein Plus von 3,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei ZF in Alfdorf arbeiten rund 900 Ingenieure und 1000 weitere Mitarbeiter daran, diese Zahl mit neu entwickelten sogenannten passiven Sicherheitssystemen zu senken. Nun gab das Unternehmen einen Einblick in den Stand der Sicherheitstechnik – und in deren Zukunft. Helmut Köditz, Geschäftsführer der TRW Automotive GmbH und Michael Ruster, Standortleiter im Werk Alfdorf erläuterten zudem, warum sich das einstige Repa- und TRW-Werk in den vergangenen Jahren so stark entwickelt hat.

Der ZF-Geschäftsbereich Passive Sicherheitstechnik, zu dem etwa Gurtsysteme oder Airbags gehören, wächst seit Jahren. „2015 lag der Umsatz bei 2,8 Milliarden Euro, im vergangenen Jahr hat unsere Sparte einen Erlös von rund vier Milliarden Euro erwirtschaftet“, sagt Dr. Michael Büchsner, Leiter der Division Passive Sicherheitstechnik bei dem Friedrichshafener Konzern. Die Zahl der Mitarbeiter in dieser Sparte stieg in diesem Zeitraum gar von 28 000 auf rund 40 000.

Während andere Zulieferer angesichts des Megatrends Elektromobilität um Geschäftsmodelle ringen, steht das ZF-Segment gut da. Schließlich werden auch in elektrisch betriebenen oder autonomen fahrenden Autos Sicherheitssysteme benötigt. „Wir arbeiten an wesentlichen Trends der Zukunftsmobilität“, so Büchsner. „Sicherheit ist eine der wichtigsten Grundlagen für autonomes Fahren.“ ZF forscht nicht nur an Konzepten wie selbstfahrenden Taxis oder Lastwägen, sondern auch an Visionen wie dem Flug-Taxi. „Ich persönlich bin da eher skeptisch, aber natürlich machen wir uns Gedanken, wie hier Unfälle vermieden werden können.“

Ein konkreteres Projekt ist laut Harald Lutz, Entwicklungsleiter der Division, ein sogenannter „Far Side Airbag“, der zwischen den Vordersitzen aufgeht und dabei die Köpfe von Fahrer und Beifahrer vor folgenschweren Kollisionen schützt. Ebenso ist das Lenkrad mit integriertem Bildschirm – Airbag natürlich inklusive – eher eine Frage der Zeit denn eine Vision.

Sensoren und Kameras sollen Innenraum überwachen

Sicherheit ist eine der Grundlagen für autonomes Fahren.

Michael Büchsner
Divisionsleiter ZF

Eine wichtige Rolle bei dieser Forschung nimmt der Standort Alfdorf ein. Er ist das Hauptquartier für Passive und Integrierte Sicherheit. „Unsere Aufgabe ist es, die Zahl der Verkehrstoten drastisch zu reduzieren“, so Norbert Kagerer, Leiter des Bereich Integrierte Sicherheit. Zwar ist die Zahl der jährlichen Verkehrstoten in Deutschland von rund 20 000 am Anfang der 1970er-Jahre auf ein Niveau knapp über 3000 in den vergangenen Jahren gesunken. „Allerdings gibt es in Deutschland einen leichten Trend nach oben“, berichtet Kagerer. Der sei vor allem auf die gestiegene Zahl der Unfälle im Abbiegeverkehr oder im Längsverkehr (auf gerader Strecke, etwa auf Landstraßen) zurückzuführen. Auch die Zahl der Unfälle mit Fahrrädern und Elektro-Fahrrädern steigt. ZF will aktive und passive Sicherheitssysteme besser verzahnen – und neue Systeme entwickeln.

200 neue Jobs innerhalb von zwei Jahren in Alfdorf

Besonderes Augenmerk gilt der Überwachung des Innenraums. Geht es nach den Entwicklungsingenieuren, haben Kameras und Sensoren bald das gesamte Innenleben des Autos im Blick. „Sicherheitsgurte und Airbags können so personalisiert werden“, erklärt Kagerer. Heißt: Die Systeme reagieren bei Kindern und Erwachsenen unterschiedlich. Ebenso ist das Gewicht ein Faktor, überdies das Alter der Insassen. „Mit zunehmendem Alter verändert sich die Knochendynamik, Gurte und Airbags sollen dann anders reagieren.“ Auch in weiteren Notsituationen können die Systeme eingreifen, etwa bei im Auto bei Hitze zurückgelassenen Kindern. „Dann schaltet sich etwa die Klimaanlage an, das Fenster wird abgesenkt oder ein Notruf abgesetzt.“

Der ZF-Standort Alfdorf profitiert von der guten Entwicklung der Sparte Sicherheitstechnik. „In den vergangenen Jahren haben wir 200 neue Jobs geschaffen, vor allem im Engineering-Bereich“, erklärt Helmut Köditz im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Integration des ehemaligen TRW-Standorts in den ZF-Konzern sei derweil abgeschlossen. „2018 haben wir unsere Planzahlen beim Umsatz übertroffen“, berichtet Michael Ruster. 2019 werde es auf ähnlichem Niveau weiter gehen. Ein Fragezeichen steht aber hinter der Entwicklung der Branche.

„Der Markt ist aktuell eher unsicher“, so Ruster und Köditz. Deshalb arbeite man stets an der Wettbewerbsfähigkeit, optimiere Prozesse und automatisiere die Fertigung. Allerdings werden in Alfdorf schon lange keine fertigen Produkte wie Gurte oder Airbags mehr produziert. Das geschieht in den weltweiten Montagewerken. Stattdessen produzieren mehr als 550 Mitarbeiter in Alfdorf einzelne Komponenten der Systeme. Der Schwerpunkt des Standorts liegt aber seit geraumer Zeit auf Forschung und Entwicklung.

© Wirtschaft Regional 02.04.2019 15:32
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