Kein Insolvenzgeld für Lindenfarb-Mitarbeiter

Arbeitsagentur bleibt bei harter Haltung – Entlassungen stehen an – Kunden ermöglichen vorerst den Weiterbetrieb.
  • Düstere Aussichten für die Belegschaft des insolventen Textilveredlers Lindenfarb in Unterkochen: Es wird wohl einen massiven Stellenabbau geben. Foto: Oliver Giers

Aalen

Es gibt kein Insolvenzgeld für die Mitarbeiter des Unterkochener Textilveredlers Lindenfarb. Das hat die Agentur für Arbeit Vertretern des Unternehmens am Montag mitgeteilt. Die Agentur bleibt damit bei ihrer harten Haltung: Sie hatte bereits vergangene Woche angekündigt, das Insolvenzgeld für die 320 Beschäftigten nicht zu zahlen. Der Betrieb läuft vorerst weiter, Sanierungs-Geschäftsführer Detlef Specovius wird wohl aber Stellen in nennenswertem Umfang abbauen. Das verlautete aus dem Unternehmen.

Wie berichtet, sieht die Agentur für Arbeit Ulm den erneuten Insolvenzantrag der Lindenfarb im März nicht als „neues Insolvenzereignis“ an. Lindenfarb hatte bereits Ende 2016 Insolvenz angemeldet. Die Mitarbeiter hatten damals für drei Monate Insolvenzgeld erhalten: Nun standen Zahlungen für die Monate März, April und Mai zur Debatte.

„Heute ist ein schwarzer Tag für Lindenfarb und insbesondere für die 320 Mitarbeiter, die in den vergangenen Tagen um ihre Arbeitsplätze gekämpft haben“, kommentiert Detelf Specovius. „Wir bedauern die Entscheidung der Agentur für Arbeit sehr und können nicht nachvollziehen, dass hier lieber Arbeitslosen- als Insolvenzgeld gezahlt wird. Dagegen werden wir mit Sicherheit gerichtlich vorgehen. Allerdings wird das Lindenfarb zumindest nicht kurzfristig helfen. Aber wir werden nicht aufgeben und uns weiter für den Erhalt des Unternehmens und so vieler Arbeitsplätze wie möglich einsetzen. Lindenfarb ist und bleibt ein wichtiger Arbeitgeber für Aalen und die Region.“

Dass nicht sofort der Ofen aus ist bei Lindenfarb, liegt an den Kunden des Textilveredlers. Diese ermöglichen laut dem Unternehmen mit Massekrediten und Vorfinanzierungen vorerst einen Weiterbetrieb.

„Wir haben in den vergangenen Tagen intensiv mit den Kunden gesprochen und Rückendeckung für unsere Sanierung erhalten. Die Kunden unterstützen uns, indem sie uns durch Massekredite und Vorauszahlungen wichtige Liquidität zur Verfügung stellen und so einen Fortbestand von Lindenfarb sichern. Damit gewinnen wir wichtige Zeit für eine Sanierung“, sagt der vom Amtsgericht Aalen zum vorläufigen Sachwalter bestellte Rechtsanwalt Dr. Tibor Braun.

Allerdings werde es aufgrund des fehlenden Insolvenzgeldes – die Beschäftigten warten seit März auf ihre Löhne und Gehälter – nicht möglich sein, alle 320 Mitarbeiter weiterzubeschäftigen, so ein Sprecher des Sanierungs-Geschäftsführers. Noch im April müsse eine erhebliche Zahl an Mitarbeitern gekündigt und freigestellt werden, die genaue Zahl stehe aktuell noch nicht fest. Auch werde es wegen fehlender finanzieller Mittel keine Transfergesellschaft geben können, die die Folgen für die Betroffenen abmildert.

Das bedeutet für ganz viele Menschen den Arbeitsplatzverlust, Lindenfarb wird es in dieser Form nicht mehr geben.

Cynthia Schneider
IG Metall

Specovius werde nun umgehend mit dem Betriebsrat in Verhandlungen bezüglich eines Interessensausgleichs und Sozialplans treten. Außerdem wolle Specovius allen Mitarbeitern möglichst schnell den ausstehenden Märzlohn zahlen. Eine erste Abschlagszahlung soll es bereits in den kommenden Tagen geben.

„Ich hätte mir eine gänzlich andere Situation gewünscht, zumal das vergangene Verfahren vom Amtsgericht im Oktober 2017 rechtskräftig aufgehoben wurde und Lindenfarb über einen Zeitraum von zwei Jahren zahlungsfähig war“, sagt Specovius. „Aber jetzt müssen wir zunächst alle Anstrengungen auf die Sanierung richten. Strategische Investoren stehen bereit, die unternehmerische Verantwortung bei Lindenfarb zu übernehmen.“

Die IG Metall hat angekündigt, gegen die Entscheidung zu klagen. Ein langwieriger Gerichtsprozess könne den Mitarbeitern aber – unabhängig von seinem Ausgang – nicht aus ihrer aktuellen Notlage helfen, so die Gewerkschaft.

Die Umsätze bei Lindenfarb waren in Folge der Absatzkrise im Autohandel in den Monaten Januar und Februar um 30 Prozent eingebrochen. Wegen drohender Zahlungsunfähigkeit hatte die Lindenfarb Textilveredlung Julius Probst GmbH & Co. KG am 18. März beim Amtsgericht Aalen den Insolvenzantrag gestellt.

Für den Nachmittag hat die Arbeitsagentur eine Pressekonferenz angekündigt. Zeitgleich läuft in Unterkochen eine Betriebsversammlung, zu der auch Aalens Oberbürgermeister Thilo Rentschler sein Kommen angekündigt hat.

© Wirtschaft Regional 02.04.2019 10:44
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