„Niko Kovac kennt uns“

Interview Für den FC Heidenheim ist es der Höhepunkt der Saison. FCH-Chef Holger Sanwald über das Duell mit dem FC Bayern, die Ziele seines Clubs und den Boom der Zweiten Liga.
  • Holger Sanwald, Vorstandschef des FC Heidenheim. Foto: Eibner

Heidenheim

Es ist natürlich das Duell David gegen Goliath, wenn an diesem Mittwoch Zweitligist FC Heidenheim im DFB-Pokal auf den FC Bayern trifft. 30 Millionen Euro Umsatz auf der einen, 650 Millionen Euro auf der anderen Seite. Im Interview erklärt Holger Sanwald, Vorstandschef des FCH, warum er froh ist, dass das Spiel in München stattfindet – und die Pokaleinnahmen wichtig sind, um den Abstand zur Konkurrenz zu verkürzen.

Herr Sanwald, mit welchem Gefühl fahren Sie nach München?

Ich bin da hin- und hergerissen. Auf der einen Seite freuen wir uns unglaublich, dort vor vollem Haus inklusive wahrscheinlich rund 10 000 Heidenheimer Fans anzutreten. Man spürt hier im Umfeld eine richtige Euphorie. Auf der anderen Seite kennen wir natürlich die Ergebnisse und die Form der Bayern in den vergangenen Spielen – 6:0 gegen Mainz und Wolfsburg und 5:1 in Mönchengladbach. Ein Weiterkommen ist fast so gut wie unmöglich. Wir wollen uns bestmöglich verkaufen.

Gibt es eine Chance, dass der große FCB den kleinen FCH vielleicht unterschätzt?

Das glaube ich nicht. Nach dem Aus in der Champions League brennen die Bayern aufs Double. Außerdem: Niko Kovac kennt uns, er war als Eintracht-Trainer vergangene Saison im DFB-Pokalachtelfinale bei uns zu Gast. Damals hat sich Frankfurt knapp nach Verlängerung durchgesetzt. Er wird uns nicht unterschätzen.

Wie wichtig waren die Erfolge im DFB-Pokal für den FCH? Auch aus finanzieller Sicht?

Der Sieg gegen Bayer Leverkusen im Achtelfinale zu Hause in der Voith-Arena war ein Höhepunkt dieser Saison. Durch das Erreichen des Viertelfinals haben wir 1,3 Millionen Euro erhalten, zusätzlich können wir durch das Auswärtsspiel in München mit weiteren rund 900 000 Euro an Zuschauereinnahmen kalkulieren. Das hilft uns, den finanziellen Abstand zu unseren Ligakonkurrenten zu verringern. Der Großteil der TV-Einnahmen, der wichtigsten Einnahmequelle der Vereine, wird anhand der Fünf-Jahres-Wertung verteilt. Da wir erst im fünften Jahr in der Zweiten Liga dabei sind, haben wir gegenüber der Konkurrenz natürlich einen Nachteil. Diese können wir durch den sportlichen Erfolg im Pokal teilweise etwas minimieren.

Jedes Jahr in Liga Zwei bringt uns nach vorn.

Holger Sanwald
Vorstandschef FC Heidenheim

Wie glücklich sind Sie als Vorstandschef, der auch auf die Finanzen schauen muss, dass Sie auswärts gegen die Bayern ran dürfen?

Im Pokal werden die Einnahmen zwischen den Gegnern gleichermaßen aufgeteilt, deshalb war ich ehrlich gesagt sehr froh, dass das Spiel in München stattfindet. Würde die Partie bei uns in Heidenheim steigen, lägen die Einnahmen lediglich im niedrigeren sechsstelligen Bereich.

In der Zweiten Liga sorgt die Mannschaft für gute Ergebnisse. Letzte Saison Abstiegskampf, jetzt schnuppern Sie an den Aufstiegsrängen. In welche Tabellenregion, gehört der FCH in der zweiten Liga?

Wir dürfen nie vergessen, wie stark die Konkurrenz in der Zweiten Liga ist. Mehr als die Hälfte der Vereine hat früher in der Bundesliga gespielt, der HSV und Köln spielen aufgrund ihres Etats in einer eigenen Liga. Wir gehören noch immer zu den kleineren Vereinen, deren erstes Ziel in jedem Jahr der Klassenerhalt ist. Darauf ist unsere gesamte Planung, was Etat oder Transfers angeht, ausgerichtet. Jedes Jahr in der Zweiten Liga bringt uns weiter nach vorne. So können wir uns Schritt für Schritt entwickeln. In diesem Jahr lag der Etat bei 25 Millionen, in der kommenden Saison kalkulieren wir mit 30 Millionen Euro. Das ist im Vergleich immer noch unteres Mittelfeld, wir sehen uns aber nicht mehr als potenzieller Abstiegskandidat. Wenn mal eine Saison kommt, in der alles passt, ist vielleicht mal mehr drin. Wichtig ist: Wir werden keine verrückten Sachen machen, auf junge, entwicklungsfähige Spieler setzen und weiter unseren Weg gehen.

Andere Vereine in der Zweiten Liga gehen das ambitionierter an…

Klar, manche Vereine gehen All-In und wollen auf Teufel komm raus den Erfolg. Wir werden weiter nachhaltig wirtschaften, uns nicht abhängig von nur einem Geldgeber machen und weiter in Steine und Beine investieren. Das dauert vielleicht länger, ist aber der deutlich solidere Ansatz. Andere nehmen den Aufzug, wir lieber die Treppe. Der Ansatz passt deutlich besser in unsere Region.

635 Millionen Euro haben die Zweitligisten 2016/17 an Umsatz erwirtschaftet, 2018/19 könnte sogar die 700-Millionen-Euro-Marke fallen. Was sind die Gründe für den Boom?

Hauptgrund ist der neue TV-Vertrag. Da hat die DFL exzellent verhandelt und die Rechte sehr gut vermarktet. Wirtschaftlich steht die Zweite Liga in Europa glänzend da. Hinter der englischen Championship sind wir das erfolgreichste Unterhaus und erwirtschaften mehr Umsatz als die ersten Ligen in Belgien, Österreich, der Schweiz oder den Niederlanden. Als wir in die Zweite Liga aufgestiegen sind, lagen unsere TV-Einnahmen bei fünf Millionen Euro, jetzt bei mehr als zehn Millionen Euro. Schließen wir diese Saison etwa auf Platz Sechs ab, steigen sie auf rund zwölf Millionen Euro in der kommenden Saison. Allein daran sieht man, wie wichtig jedes einzelne Tor und jeder einzelne Punkt für uns ist.

© Wirtschaft Regional 01.04.2019 20:02
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