Reklame der alten Schule

Die Litfaßsäule gibt es seit 1855. Sie ist das lebende Fossil der Außenwerbung. Doch Beton altert und daher werden immer mehr Säulen abgebaut. In Berlin könnten nun auf einen Schlag 1000 von ihnen verschwinden.
  • SWP-Montage Fotos: © Rainer Lesniewski, Abstractor, Kaspri/Shutterstock.com Foto: SWP-Montage, Fotos: © Rainer Lesniewski, Abstractor, Kaspri/Shutterstock.com
Buchstäblich fast jedes Kind kennt Deutschlands bekannteste Litfaßsäule. Der Werbeanschlag ziert den Deckel von Erich Kästners Buch „Emil und die Detektive“ von 1929 und hat in 162 Auflagen millionenfach Einzug in Jungen- und Mädchenzimmer gehalten. Hinter der Säule versteckt sich Emil, als er einen verdächtigen Mann beschattet. Das Original war 1929 an einer Kreuzung in Berlin-Wilmersdorf aufgestellt. Auch im Jahr 2019 steht an dieser Stelle noch eine rund drei Meter hohe Röhre. Dieser Tage steht in Schreibschrift ein Hilferuf drauf: „Erhaltet diese Säule!“ Denn bis zu 1000 Litfaßsäulen könnten dieses Jahr allein in der Bundeshauptstadt verschwinden. Auch in anderen Teilen Deutschlands sind sie leise auf dem Rückzug.

Rettung durch Kultur?

So schrumpfte die Zahl der für klassische Klebe-Werbung genutzten Säulen in Hamburg seit 2008 von 879 auf 380. Ein Lichtblick: Viele von ihnen sind zum Anschlag für Kulturtermine umgenutzt worden. Deren Zahl stieg von 223 auf 520, teilt die Sprecherin der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation, Susanne Meinecke, mit. Dennoch: Unter dem Strich sind dort 200 Klebe-Säulen verschwunden.

Auch im sächsischen Görlitz hat der Bürgermeister für Stadtentwicklung, Michael Wieler, den Abriss ins Gespräch gebracht. Der Unterhalt sei zu teuer. Die Stadt verweist darauf, dass schon 5 der 58 Säulen von Kulturinstitutionen beklebt würden. Einige würden nicht genutzt, diese Säulen können Interessenten für nicht-kommerzielle Zwecke „adoptieren“.

In Berlin ist die Neuordnung des Werbemarkts bereits entschieden und in der Umsetzung. Was das für die Gesamtzahl der Säulen bedeutet, ist offen. Der neue Betreiber Ilg will mindestens 1500 der 2500 Säulen-Standorte weiter betreiben. „Was aber nicht heißen soll, dass wir nicht noch mehr Säulen bauen werden“, erklärt der Leiter der Berliner Niederlassung, Stefan Baumann.

Neu errichtet werden müssen sie ohnehin. Denn der bisherige Betreiber Wall reißt bis Ende Juni nahezu alle Berliner Säulen ab – bis auf etwa 50, die als Denkmal erhalten bleiben sollen. „Die Säulen stehen schon eine Weile draußen und sind porös“, sagt Wall-Sprecher Christian Knappe. Die meisten Berliner Säulen stammten aus der frühen Nachkriegszei. Mehr als die Hälfte von ihnen ist aus Eternit. „Aufgrund der schieren Anzahl der Eternit-Säulen da draußen prüfen wir nicht jede einzeln, sondern haben uns entschlossen, alle gleich zu behandeln und sie der Sonderentsorgung zuzuführen.“ Der neue Betreiber wird an den weiter unterhaltenen Standorten neu aufstellen.

Nicht nur Kommerz

Neben kommerzieller Reklame für Tabak und Waschmittel bildete sich stets auch die hohe Politik in dem Mikrokosmos ab – Mobilmachungen, Suchmeldungen, Wahlkampf. So zeigt ein altes Schwarz-Weiß-Bild die Anfänge einer optimistischen Imagekampagne, die den CDU-Politiker Norbert Blüm bis heute verfolgt. Der damalige Bundesarbeitsminister steht im Bonn des Jahres 1986 mit Leimpinsel fröhlich auf einer Trittleiter und klebt eigenhändig ein Plakat an: „... denn eins ist sicher: Die Rente.“

Seit Wochen nun sind die Säulen in Berlin bunt einfarbig tapeziert, um den vorläufigen Abriss vorzubereiten. Bei der Senatsverwaltung für Verkehr gehen seither vereinzelt Anfragen besorgter Anwohner ein, wie Sprecher Jan Thomsen berichtet. Aber warum hängen die Menschen so sehr an diesen Säulen? Der Zukunftsforscher Tristan Horx erklärt es so: „Wir leben im Zeitalter der Nostalgie, des Retrotopia. Die Litfaßsäule ist sehr alt und stark assoziiert mit dem Stadtbild. Eine lange Zeit war sie auch eine Möglichkeit des politischen Protests und des Diskurses und Teil des Public Space. Wenn das verschwindet, fragen sich die Leute: ,Was geht da eigentlich wirklich verloren? Ist das das Ende vom Stadtbild, wie wir es kennen?' Man sehnt sich natürlich auch nach dieser Zeit.“

Der Kästner-Standort bleibt

Doch hat dieses antiquiert anmutende Medium auch Zukunft? Hinterleuchtete Rundsäulen und LED machen ihm Konkurrenz. Horx ist recht optimistisch und schildert, was alles schon in Werbesäulen mit untergebracht war. Früher seien es Telefonkabel und Trafo-Stationen gewesen, heute sind es – wie etwa in Nürnberg – Toiletten, demnächst vielleicht Stadtgrün. „Es geht natürlich um die Re-Kombination und die Weiterentwicklung davon. Ich würde aber der Werbeindustrie raten, nicht zu unterschätzen, was das Analoge kann.“ Denn der Klassiker der Werbung habe viel Charme. Horx: „Ein richtiges Retroposter in comicartigem Stil auf einer Litfaßsäule würde viel mehr Eindruck auf mich machen als die nächste computergenerierte Dame, die mich mit ihrem strahlend weißen Lächeln angrinst und sagt, ich solle Burger essen.“

Zurück zu Erich Kästners Säule. Sie soll es weiterhin geben. „Dieser spezielle Standort wird, sobald die alte Säule entfernt ist, durch eine neue „Berliner Säule“ ersetzt“, beteuert der neue Betreiber, die Firma Ilg.

Christof Bock
© Südwest Presse 27.03.2019 07:46
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