Hardware-Nachrüstung

Prototypen mit Problemen

Systeme zur NOX-Reduzierung funktionieren im Prinzip auch im Langzeittest. Landesverkehrsminister Hermann sieht nun die Hersteller gefordert.
  • Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) steht unter einem nachgerüsteten Volvo XC60 Foto: Marijan Murat/dpa
Reinhard Kolke hat an diesem Tag mehrere Botschaften mitgebracht. Er beginnt mit einer „guten Nachricht“, es ist die aus seiner Sicht wichtigste: Auch im Dauerbetrieb sei bei mit sogenannten SCR-Katalysatoren nachgerüsteten Diesel-Fahrzeugen der Euronorm 5 eine Stickoxid-Reduktion von bis zu 80 Prozent möglich, sagt der Leiter des ADAC-Technikzentrums am Montag in Stuttgart bei der Vorstellung der Ergebnisse eines aufwändigen Alltags-Belastungstests. Auch nach fünf Monaten Feldversuch und 50 000 Kilometern pro Auto und Hardware-Nachrüstung arbeiteten die Katalysatoren zuverlässig.

Konkret hatten Spezialisten einen VW T5, ausgestattet mit einem Katalysator des Herstellers Oberland-Mangold, einen Opel Astra mit einer Abgasreinigung von Twintec und einen Fiat Ducato mit einem Katalysator von HJS auf der Straße und auf dem Prüfstand getestet.

Während die Systeme ihre eigentliche Aufgabe schon recht gut erfüllen, gibt es auch weniger gute Nachrichten: Die getesteten Prototypen können bei Temperaturen zwischen 5 und 13 Grad die Grenzwerte der neuen Nachrüst-Richtlinie des Bundes bisher nicht durchgehend einhalten. Zudem schlucken sie teils zwischen 7 und 13 Prozent mehr Diesel. Und: Beim Alltagstest kam es bei den Prototypen teils zu temporären Systemausfällen und mechanischen Defekten, sodass die Nachrüster bis zur Serienreife noch weitere Entwicklungsarbeit vor sich haben. „Die Dauerhaltbarkeit ist wahrscheinlich die größte Herausforderung“, sagt Kolke. Trotzdem ist der Experte überzeugt, dass es im dritten Quartal 2019 serienreife Nachrüst-Sätze geben werde – „wenn die Hersteller kooperieren“. Einige, wie Daimler, würde das tun, andere, wie Fiat, nicht.

Vor einem Jahr hat der ADAC eine erste, erfolgreiche Testreihe vorgestellt. Der Automobilclub gilt als Pionier auf diesem Sektor, für den Bundestag und Bundesrat erst vor wenigen Tagen Vorschriften verabschiedet haben. Diesmal geht es – wieder mit finanzieller Unterstützung des baden-württembergischen Verkehrsressorts von Minister Winfried Hermann (Grüne) – darum, denjenigen Herstellern die Argumente zu nehmen, die vor derartigen Eingriffen mit Hinweis auf unkalkulierbare Langzeitwirkungen warnen. Die Hardware-Nachrüstung sei ein „definitiv erfolgreicher Baustein“, um Fahrverbote zu vermeiden, ist Kolke sicher.

Die Frage ist nur: Wer rüstet für geschätzte 1500 bis 3300 EUR seinen Euro-5-Diesel nach, wenn der CDU-Teil der Landesregierung verspricht, mit ihm werde es in Stuttgart keine flächendeckenden Euro-5 Fahrverbote geben und sich auch Grünen-Regierungschef Winfried Kretschmann optimistisch zeigt, eine Ausweitung der Beschränkungen vermeiden zu können?

Man müsse die Entwicklung in Brüssel im Auge behalten, warnt der Vorsitzende des ADAC Württemberg, Dieter Roßkopf, vor vorschnellen Versprechungen. Auf Ebene der EU gehe die Tendenz eher zu schärferen Vorgaben; dafür müsse man gerüstet sein. Denn nicht alle Halter seien in der Lage, „geschwind ein neues Fahrzeug zu kaufen“.

Es spreche einiges dafür, dass die EU den Weg Münchens zur Vermeidung von Fahrverboten – nämlich die Ergebnisse der Messstationen zu mitteln – für nicht zulässig erklären werde. Zudem würden Verbraucher, Bürger und ADAC-Mitglieder beides wollen: „Sie wollen gesund leben und mobil bleiben – und dabei kann die Hardware-Nachrüstung helfen.“

Aus Sicht von Verkehrsminister Hermann sind Hardware-Nachrüstungen zwingend, um die ausgegebenen Ziele zu erreichen. Ob es zu weiteren Fahrverboten komme, hänge davon ab, wie viele Fahrzeuge nachgerüstet werden, sagt der Grünen-Politiker. Die Autoindustrie sei in der Pflicht, mit den Nachrüstern zu kooperieren und auch für die Kosten der Nachrüstungen aufzukommen. „Sie hat das Elend angerichtet.“
© Südwest Presse 19.03.2019 07:46
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