Bildungszeit wird kaum genutzt

Die meisten wissen nicht, dass es fünf bezahlte Tage gibt. Jene, die es wissen, machen keinen Gebrauch davon.
Die meisten Baden-Württemberger wissen nicht, was das Bildungszeitgesetz ist. Das geht aus einem Bericht hervor, den Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) und das Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (FBB) vorgestellt haben. Seit 2015 haben Beschäftigte in Baden-Württemberg Anspruch auf jährlich bis zu fünf Tage bezahlter Freistellung für Weiterbildung. Im Koalitionsvertrag hatte die grün-schwarze Regierung 2016 vereinbart, das Gesetz nach zwei Jahren zu evaluieren und zu novellieren. Das FBB hat den ersten Teil anhand von mehr als 1750 Fragebögen und Interviews umgesetzt.

Demnach haben schätzungsweise 1,1 Prozent der Berechtigten 2017 Bildungszeit in Anspruch genommen, das sind etwa 53 000 Menschen. Laut FBB-Vertreterin Iris Pfeiffer liegt Baden-Württemberg im Mittel der Bundesländer mit vergleichbaren Gesetzen. Allerdings wissen im Südwesten nur 34,5 Prozent der Berechtigten von dem Gesetz. In Anspruch genommen wird es vor allem von Jüngeren, von Menschen mit Führungsverantwortung und von befristet Beschäftigten. In 75,5 Prozent der Fälle wurde Bildungszeit für berufliche Weiterbildung verwendet, gefolgt von politischer Qualifizierung (23,8) und Fortbildung fürs Ehrenamt ohne den Bereich Sport (0,7).

„Schade ist, dass 3,4 Prozent der Unternehmen nur angeben, dass an- und ungelernte Beschäftigte Bildungszeit genutzt haben“, sagte Pfeiffer. „Denn das war ja mal als explizites Ziel des Bildungszeitgesetzes formuliert worden.“ Dass die Gesellschaft in Zeiten von Fake News und Populismus in die politische Bildung ihrer Bürger investiere, werde auch von Unternehmern geschätzt. Es gebe allerdings Kritik daran, dass Arbeitgeber dafür aufkommen sollten. „Man muss sich natürlich schon die Frage stellen, ob es auch Aufgabe der Betriebe ist, die Freistellungskosten für die politische Weiterbildung zu tragen“, sagte die Ministerin.

Die Träger der Bildungsangebote zeigten sich im Wesentlichen zufrieden: Seit Einführung des Gesetzes ist die Teilnehmerzahl um 23 Prozent gestiegen. Verbesserungsmöglichkeit sieht das FBB beim Bürokratieabbau und der Eindeutigkeit der Gesetzesregelungen. Jens Schmitz

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© Südwest Presse 15.03.2019 07:45
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