Paketdienste

Ein Bote packt aus

Mehrere Paketdienste stehen in der Kritik, weil sie ihre Mitarbeiter angeblich ausbeuten. Ein ehemaliger Hermes-Fahrer spricht von Schikanen.
  • Viele Zusteller klagen über die immer größer werdenden Paketberge. Foto: Rido/Shutterstock
In seinen letzten zwei Monaten bei Hermes arbeitet Manuel Kaiser bis zu 13 Stunden am Tag. Sechs Tage die Woche. „Man geht arbeiten, schlafen, arbeiten, schlafen“, erzählt der junge Mann, der in Wahrheit anders heißt. Kaiser möchte anonym bleiben – er will keine Probleme bekommen. Auch sein Einsatzort soll deshalb nicht in der Zeitung stehen. Er hat im Südwesten Deutschlands gearbeitet.

Wie die meisten Fahrer des Unternehmens war Manuel Kaiser nicht direkt bei Hermes angestellt, sondern bei einem Subunternehmen. Bei seinem ersten Arbeitgeber fand er die Arbeit akzeptabel. Dann wechselte er zu einem anderen und seine Arbeitsbedingungen verschlechterten sich rapide.

Vor dem Losfahren habe er täglich ab sieben Uhr am Band Pakete sortiert. Ausgewählt, was zu seiner Fuhre gehörte. Manchmal habe er dabei ein Päckchen übersehen, erzählt Kaiser. Dann musste er am Ende des Bandes in Containern und Paketstapeln nach der verpassten Sendung wühlen. Erst mittags, wenn der Bote all seine Pakete beisammen hatte, durfte er losfahren. Für ihn „die reine Schikane“.

Bei den Subunternehmen in der Paketbranche gebe es viele schwarze Schafe, sagt Sigrun Rauch von der Gewerkschaft Verdi. Viele Beschäftigte trauten sich nicht, über ihre Arbeitsbedingungen zu sprechen – aus Angst, ihre Stelle zu verlieren. Verdi-Chef Frank Bsirske sprach vergangene Woche von teils „mafiösen Strukturen“ in der Branche. Rauch sagt: „Wir wissen, dass da zum Teil ganz katastrophale Bedingungen herrschen.“

Manuel Kaiser musste täglich etwa 160 Pakete ausliefern, bei 150 Stopps. „Was man nicht schafft, nimmt man wieder mit zurück“, erzählt er. Dasselbe gelte für Lieferungen, die niemand annehme. Da kämen schon mal 25 Sendungen zusammen. Die müsse man dann am nächsten Tag zustellen.

Ein paarmal blieb Kaiser samstags zuhause, nahm sich Zeit für seine Familie. „Aber es gab niemanden, der dann statt mir die Tour gefahren ist.“ Am Montag stand er deshalb vor einem noch größeren Paketberg als sonst. Einige Paketboten führen auch am Sonntag, um alles ausliefern zu können, sagt er. „Man muss die Menge einfach irgendwie schaffen.“

Um nicht alle Adressen ihrer Tour anfahren zu müssen, machen viele Fahrer laut Kaiser falsche Angaben im internen System. Tun so, als gehöre ein Paket nicht zu ihrer Tour, indem sie es fälschlicherweise als Irrläufer deklarieren. Oder geben an, dass sie ein Benachrichtigungskärtchen eingeworfen hätten, obwohl das nicht stimmt. „Die sind da dann gar nicht erst hingefahren“, sagt Manuel Kaiser. Die Fahrer sparen sich so ein paar Stopps – sonst müssten sie noch mehr Überstunden machen. Am nächsten Tag liegen die Pakete aber wieder im Wagen.

Für den Knochenjob bekam Manuel Kaiser ein Festgehalt von etwa 2000 EUR brutto. Seinen Stundenlohn hat er nie ausgerechnet. „Da hätte ich nur angefangen, zu heulen.“ Bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von elf Stunden hat er pro Stunde 7 EUR verdient. Deutlich weniger als der Mindestlohn. Das Geld bekam Kaiser bar. Sein Arbeitgeber zahlte keine Beiträge in die Sozialversicherung und für die Krankenkasse, sagt Kaiser.

Frank Bsirske fordert von der Politik, für die Paketbranche die Nachunternehmerhaftung einzuführen. Dann wären die Unternehmen auch für die Arbeitsbedingungen bei ihren Subunternehmen verantwortlich. Die SPD-Parteivorsitzende Andrea Nahles und die SPD-Fraktion in Berlin unterstützen dies.

Die Subunternehmer seien verpflichtet, sich an die geltenden Gesetze zu halten, schreibt ein Hermes-Sprecher auf Nachfrage der SÜDWEST PRESSE. Man habe „ein verbindliches Prüfverfahren eingeführt, das alle Servicepartner regelmäßig durchlaufen müssen.“ Sigrun Rauch geht das nicht weit genug. Das System mit Sub- und Subsubunternehmen sei besonders anfällig für Verstöße, sagt die Gewerkschafterin. Rauch fordert: Paketdienstleister wie Hermes und DPD sollten die Fahrer direkt anstellen – so wie es UPS und DHL größtenteils tun.

Manuel Kaiser ist mittlerweile Kurierfahrer. Nachts fährt er für ein Logistikunternehmen und findet den neuen Job viel angenehmer. Seinen letzten Monatslohn habe man ihm erst nicht ausgezahlt, sagt Kaiser. Er habe mit einem Anwalt gedroht – das Geld kam dann doch noch.
© Südwest Presse 26.02.2019 07:46
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