In drei Tagen um die Welt

Konzerngründer Jack Ma ist zum reichsten Chinesen geworden. Nun will er Waren schneller verschicken. Bei seinen Plänen spielt auch Deutschland eine Rolle.
  • Der frühere Englisch-Lehrer Jack Ma hat mit Alibaba einen Konzern aufgebaut, der oft als das chinesische Amazon bezeichnet wird. Das greift jedoch zu kurz. Denn Alibaba ist viel breiter aufgestellt als der US-Onlinehändler. Foto: Fabrice Coffrini/afp
Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst von Alibaba. Ende des vergangenes Jahres kündigte der chinesische Online-Riese an, am belgischen Flughafen Lüttich auf einer Fläche von mehr als 220 000 Quadratmetern ein gigantisches Logistikzentrum einzurichten. Dann folgte Anfang Januar die Übernahme des Berliner Start-ups Data Artisans. Auch das Gerücht, Alibaba könnte den deutschen Onlinehändler Zalando übernehmen hält sich hartnäckig.

Schon schrillen die Alarmglocken, nach Amazon könnte ein weiterer außereuropäischer Online-Riese Deutschland überrollen. Dabei hat Alibaba mit seinen jüngsten Vorstößen gar nicht den deutschen Konsumenten im Blick – zumindest vorerst nicht. Alibaba geht es um den heimischen Markt in China.

„Mehr als eine halbe Milliarde Konsumenten auf unseren Marktplätzen beginnen Konsumerfahrungen in China bei Alibaba“, sagt Terry von Briba, Europa-Chef des chinesischen Internet-Giganten. Das berge ein enormes Potenzial. Er veranschaulicht das an zwei Zahlen: Rund 1,4 Mrd. Menschen leben in China. Über 700 Millionen sind bereits regelmäßig online. Das würde bedeuten: Weitere 700 Millionen nutzen das Internet noch nicht – was sich aber bald ändern könnte.

„Made in Germany“ sei unter chinesischen Konsumenten zugleich ein hochgeschätztes Qualitätssiegel, betont von Bribra. „Unser Schwerpunkt in Deutschland liegt daher darauf, hiesigen Marken und Händlern zu helfen, über 600 Millionen jährlich aktiven Konsumenten auf unseren Handelsmarktplätzen zu erreichen.“ Das Logistikzentrum in Lüttich diene als „Gateway to China“.

Oder wie es der Online-Retail und China-Experte Olaf Rotax vom Beratungsunternehmens dgroup beschreibt: „An den deutschen Konsumenten ist Alibaba nicht in erster Linie interessiert.“ Das Drehkreuz in Lüttich sei „Baustein eines viel größeren Plans“.

Alibaba ist Chinas größtes privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen. Alibaba zählt mit seinen Handelsplattformen Taobao und Tmall heute zu einen der größten Online-Konzerne der Welt. Im vergangenen Jahr setzte Alibaba Waren im Wert von 550 Mrd. US-Dollar (487 Mrd. EUR) um. Alibaba-Gründer Jack Ma ist mit einem geschätzten Vermögen von rund 40 Mrd. Dollar (35 Mrd. EUR) der reichste Mann Chinas.

Im Westen wird Alibaba häufig als „chinesisches Amazon“ bezeichnet. Der Vergleich hinkt. Amazon ist Händler und bietet anderen Onlinehändlern lediglich einen weiteren Verkaufskanal. Alibaba hingegen ist ein Plattformanbieter. Eigene Lagerhallen benötigt man nicht.

Zudem ist Alibaba mit seinen Geschäftsfeldern noch sehr viel breiter aufgestellt als der US-Konkurrent. Vor allem aber als Logistikdienstleister will Alibaba nun zum Weltmarktführer aufsteigen.

Seit zwei Jahren ist Alibaba bereits Mehrheitseigner von Cainiao, einem Zusammenschluss mehrerer großer Logistikunternehmen in China. Mit Cainiao will der Konzern Bestellungen aus der Volksrepublik binnen 24 Stunden weltweit zu ihren Zielen zu bringen. Auch das ist nur ein Zwischenschritt. Jack Ma spricht von „electronic World Trade Platform“, kurz eWTP. Hinter dieser sperrigen Abkürzung verbirgt sich sein Ziel, eine Plattform zu schaffen, die Hersteller weltweit direkt mit den Endkunden zusammenbringt. Von allen Punkten der Welt zu allen Punkten sollen Pakete spätestens innerhalb von drei Tagen geliefert werden können. Ein gewaltiges Unterfangen, das so noch kein Logistikunternehmen hinbekommen hat.

In Malaysia und Bulgarien

Das Logistikzentrum in Lüttich ist denn auch nur ein Drehkreuz von mehreren.Vergleichbare Stützpunkte hat Alibaba außer seinem Unternehmenssitz im ostchinesischen Hangzhou auch in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur sowie in Ruanda errichten lassen. Ein weiteres Versandzentrum soll in Bulgarien entstehen.

Mehr als 13 Mrd. EUR will Alibaba in den kommenden fünf Jahren für sein weltumspannendes Netz investieren. Oder wie es Retail-Experte Rotax bezeichnet: „ein digitales Pendant zur Welthandelsorganisation“.
© Südwest Presse 21.02.2019 07:47
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