Ruf nach der Börsenaufsicht

Die Kursverluste des Zahlungsdienstleisters werden durch automatische Verkaufsorders verstärkt. Aktionärsschützer fordern bessere Absicherung.
Die Kursturbulenzen beim Dax-Neuling Wirecard entwickeln sich zum Wirtschaftskrimi. Nachdem die Aktie des Zahlungsanbieters am Donnerstag erneut zeitweise um fast 20 Prozent abgestürzt war, rauschte der Kurs am Freitag um weitere 12,5 Prozent nach unten. Damit wurden Milliarden an Börsenwert vernichtet. Für ein Mitglied des wichtigsten deutschen Börsenbarometers ist eine solche Entwicklung höchst ungewöhnlich.

Einer der Auslöser sind Berichte der „Financial Times“ (FT) über einen angeblichen Bilanzskandal. Doch diese dementiert der Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München entschieden. Seit Freitag geht Wirecard auch rechtlich gegen die FT vor.

Die Staatsanwaltschaft München hat wegen der Kursturbulenzen beim Zahlungsdienstleister Wirecard ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Behörde ermittelt wegen möglicher Marktmanipulation gegen unbekannt. Gegen Manager von Wirecard selbst sieht die Staatsanwaltschaft München I nach wie vor keinen Anfangsverdacht der Marktmanipulation, betonte eine Sprecherin der Behörde. In Singapur durchsuchte die Polizei nach den Berichten über angebliche Betrugsfälle am Freitag Büros von Wirecard.

Die Kursturbulenzen haben in Deutschland eine Diskussion ausgelöst: Die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) fordert, dass der Börsenbetreiber und die Regulierungsbehörden in solchen Fällen eingreifen müssen. „Der Fall Wirecard zeigt einmal mehr, dass der Regulierer gefordert ist, die Anleger besser vor solch unkontrollierten Kursstürzen zu schützen“, sagt Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der DSW.

Gerade in solchen Fällen müsse der Kurs und damit der Handel an allen Börsen, an denen das Papier gehandelt werde, kurzfristig ausgesetzt werden. Die bestehende Dynamik von automatisierten Verkaufsorders, die bei bestimmten Kursen ausgelöst werden und damit den Kursverfall noch verschärfen, soll damit unterbrochen werden.

Das soll, sagt Tüngler, dem Unternehmen die Chance eröffnen zu reagieren und Anlegern die Möglichkeit geben, die Situation in Ruhe zu beurteilen. Laut Tüngler ist der Ermessenspielraum der Börsen für solche Situation „sehr weit gefasst“. Statt für den Schutz der Aktionäre entscheiden sich die Börsen aber für den freien Handel, sagt er.

Der Sprecher der Deutschen Börse, Patrick Kalbhenn, weist diese Vermutung zurück. „Eine Aussetzung kommt nur in Frage, wenn die Ordnungsmäßigkeit des Börsenhandels gefährdet erscheint“, sagt er gegenüber der SÜDWEST PRESSE. Und präzisiert: „Dies ist nicht automatisch der Fall bei Preisschwankungen, selbst wenn diese ein erhebliches Ausmaß haben“. Zudem würde die Aussetzung des Handels dazu führen, dass das jeweilige Papier auf unregulierten Plätzen gehandelt werde, was zu weiterer Unsicherheit und Intransparenz führen würde, insbesondere für Privatanleger. Ein Aussetzen des Handels sei, so Kalbhenn, eine Option, wenn etwa für alle Marktteilnehmer nicht die gleichen Informationen zur Verfügung stünden. Für Situationen mit starken Kursausschlägen – nach oben wie nach unten – hat die Börse nach seinen Worten die Möglichkeit einer „Volatilitätsunterbrechung“.

Dabei wird vom laufenden Handel in eine mindestens zwei Minuten laufende Auktion gewechselt. „Das entschleunigt den Handel, gibt Marktteilnehmern Zeit zur Orientierung und verhindert, dass der Markt ungebremst in eine Richtung weiterläuft.“ Das bedeutet konkret: Kauf- und Verkaufsaufträge werden weiter angenommen, aber erst nach Ende der Auktion ausgeführt. Ein Preis wird den Börsianer aber fortlaufend angezeigt. „Die Folgen der Situation bleiben dadurch für alle Handelsteilnehmer kalkulierbar“, sagt Kalbhenn.

Mit einem Anteil von rund 1,5 Prozent am Dax kann Wirecard das Börsenbarometer nur wenig bewerten, ebenso wenig wie die Deutsche Bank, die mit einem Börsenwert von 14,9 Mrd. EUR wieder der größte Bank-Wert im Dax ist. Wirklich bewegen können den Leitindex die Kurse von SAP, Siemens oder der Allianz. Sie sind mit Anteilen von 9,7, 9,5 und 8,8 Prozent die Schwergewichte im Dax.

Mehr als 10 Prozent darf das Gewicht einer Aktie im Dax allerdings nicht haben. Das soll vermeiden, dass alleine ein Papier den Index verzerrt.
© Südwest Presse 11.02.2019 07:45
446 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?