„Kursrückgänge sind Kaufkurse“

Interview Im Gespräch prognostiziert Aktienexperte Herbert Fischer, Vorstand des Wasseralfinger Aktienclubs, wie das Börsenjahr 2019 angesichts Trump, Brexit und Co. laufen könnte.
  • Herbert Fischer, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Braunenberg GmbH/Wasseralfinger Aktienclub Foto: wk

Aalen

Das Börsenjahr 2018 war turbulent. Und auch 2019 wird spannend. Warum, erklärt Herbert Fischer im Interview.

Herr Fischer, hinter uns liegt ein turbulentes Börsenjahr 2018. Mit einem Minus von 18 Prozent hat der Dax historisch schlecht abgeschnitten. Wie bewerten Sie das schwache Handelsjahr vor dem Hintergrund der Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China sowie den Unsicherheiten in Europa?

Herbert Fischer: Grundsätzlich sind Handelsstreitigkeiten zwischen Wirtschaftsgroßmächten ein hemmender Faktor für das Wirtschaftswachstum und natürlich auch für die Aktienkurse. An der Börse spielt der psychologische Faktor, in diesem Falle das verlorene Vertrauen, noch zusätzlich eine negative Rolle. Der DAX-Verlauf 2018 war ein Spiegelbild dieser Ereignisse. Im ersten Quartal Strafzölle für Auto- und Stahleinfuhren in die USA – der DAX verlor in diesem Zeitraum 8,4 Prozent. Nach einer „Gewöhnungsphase“ und realistischer Bewertung der Auswirkungen erholte sich der DAX im zweiten und dritten Quartal, und das Minus betrug Ende September nur noch 4,7 Prozent. In der Zwischenzeit summierten sich zusätzliche Negativfaktoren: Finanzkrise in Italien, Iran-Sanktionen, die Brexit-Problematik und der Handelskrieg USA – China. Das führte zu einem DAX-Kursverlust im vierten Quartal von 13,6 Prozent.

Im Herbst haben Sie den DAX noch bei 12 800 Punkten bis zum Jahresende 2018 gesehen. Was erwarten Sie vom Börsenjahr 2019?

Da war ich wohl zu mutig. Das Interview war im September, der DAX hatte sich wieder etwas erholt und stand Ende September bei 12 246 Punkten. Es gab viele Fachstimmen, die eine „Jahresendrallye“ prognostizierten. Die Wirtschaftsdynamik wird im Euroraum 2019 etwas nachlassen. Für die Weltwirtschaft wird weiterhin ein Wachstum von 3,7 Prozent prognostiziert. Risikofaktoren sehe ich im Verhalten des US-Präsidenten und in der nicht einschätzbaren Brexit-Problematik und den resultierenden wirtschaftlichen Verwerfungen. Mit Ausnahme der Zeitspanne 2000 bis 2003 gab es in der DAX-Historie nach jedem Verlustjahr ein positives Folgejahr, das lässt hoffen.

Am deutschen Aktienmarkt sorgte der kometenhafte Aufstieg des Bezahldienstleisters Wirecard im vergangenen Jahr für zahlreiche Schlagzeilen. Dem Kursanstieg folgte nach erfolgreicher DAX-Aufnahme aber die Katerstimmung. Seit September haben die Papiere ein Drittel an Wert verloren – ist die Wachstumsstory weiterhin intakt?

Nach einer DAX-Aufnahme steigt die Aufmerksamkeit für die Aktie. Dann wurde der rasante Kursanstieg bewusst und führte offensichtlich zu Gewinnmitnahmen. Seitdem hat sich der Kurs wieder um 9,9 Prozent erholt. Wirecard verhandelt mit weiteren Märkten über Online-Zahlung. Analysten sehen ein Kurspotenzial von 48 Prozent.

Der Brexit wird die Börse volatil halten.

Herbert Fischer

Der von der VVB GmbH aufgelegte „WAC-Fonds 1“ hat sich 2018 kaum bewegt. Sind Sie trotzdem zufrieden mit der Performance? Wie sieht Ihre Anlagestrategie aus?

Im Jahresergebnis 2018 haben wir einen Verlust von 1,7 Prozent zu verzeichnen, ein Ergebnis, dass im Vergleich zu den bedeutenden Indizes positiv herausragt. Für den WAC-Fonds 1 werden wir die bewährte Anlagestrategie aus dem vergangenen Jahr fortsetzen.

Das neue Jahr hat wie das alte begonnen – chaotisch. Das britische Unterhaus votierte gegen den EU-Austrittsvertrag von Premierministerin Theresa May. Wie wirkt sich das auf den Aktienmarkt aus?

Nach der Abstimmung ist offen, wie es weiter geht – also massive Unsicherheit. Und, Stand heute, sind alle bedeutenden Aktien-Indizes im Plus. Offensichtlich sind die einschätzbaren wirtschaftlichen Folgen weitgehend eingepreist. Das Brexit-Gerangel wird die Börse volatil halten.

Die Krisenherde der Welt haben deutlich zugenommen. Vor allem die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China haben auch der deutschen Wirtschaft ordentlich zugesetzt. Mit einem Wachstum von 1,5 Prozent im vergangenen Jahr hat sich unsere heimische Wirtschaft erstmals seit fünf Jahren schlechter entwickelt. Einige Experten sprechen bereits von einer sich anbahnenden Rezession. Wie sollten Anleger agieren?

Der statistische Wachstumsdurchschnitt der vergangenen zehn Jahre liegt bei 1,67 Prozent. Allerdings mit erheblicher Schwankung. Ohne Schwankungen haben wir seit Jahren eine Nullzinspolitik. Der konservative Anleger akzeptiert einen jährlichen Kaufkraftverlust von rund zwei Prozent. Für mittel- bis langfristig verfügbares Kapital halten wir die Kapitalanlage in Aktien, für Unerfahrene in einem Investmentfonds, für sinnvoll. Unser WAC-Fonds 1 hat in der 10-jährigen Geschichte drei Verlustjahre zu verzeichnen – und trotzdem eine durchschnittliche Jahresrendite von acht Prozent erwirtschaftet.

Wie der DAX haben viele Aktienindizes deutlich an Wert verloren. Sehen wir derzeit Einstiegskurse an den weltweiten Börsen oder sollten Anleger derzeit von Investments in Aktien absehen?

Im Jahr 1959 hat der DAX mit 1000 Punkten begonnen, aktuell sind wir heute bei 11 230 Punkten. Der historische Höchstkurs war bereits bei 13 474 Punkten. Ein Spielraum nach oben von 23 Prozent. In der Vergangenheit wurden historische Höchstkurse immer wieder erreicht und übertroffen. Die Börsianer sagen: „Kursrückgänge sind Kaufkurse“. Zum Kauf sollte ein ansteigender Trend erkennbar sein.

© Wirtschaft Regional 29.01.2019 06:25
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