Schock: Binz wird liquidiert

Automobilindustrie Für den insolventen Lorcher Spezialfahrzeughersteller gibt es keine Zukunft mehr, weil kein Investor zur Übernahme bereit war.
  • Das wird es nicht mehr geben: hochwertige Stretchlimousinen von Binz aus Lorch. Foto: arc

Lorch

Das ist nach dem Aus der Wasseralfinger Gießerei SHW CT die nächste bittere Meldung für die Wirtschaft im Ostalbkreis: Der Lorcher Sonderfahrzeughersteller Binz ist am Ende. Das 1956 gegründete Traditionsunternehmen wird liquidiert, alle zuletzt noch 54 Beschäftigte verlieren ihre Arbeitsplätze, Werkzeuge, Maschinen und Anlagen sowie die Immobilie werden ab kommenden Montag stückchenweise verkauft bzw. verwertet. „Unser Ziel, einen Investor zu finden und die Arbeitsplätze zu retten, haben wir leider nicht erreicht“, erklärten am Donnerstag die Insolvenzverwalter Martin Tillmann und Rüdiger Weiss von der Kanzlei WallnerWeiß in Stuttgart. Bis zuletzt sei mit zwei Investoren verhandelt worden: „Der eine hat zu wenig geboten, sodass der Deal nicht zustande kommen konnte, der andere hat zwar viel geboten, aber den ausgehandelten Kaufvertrag nicht unterschrieben“, sagte Rüdiger Weiß. Dabei handelt es sich um den früheren Binz-Geschäftsführer Gerhard Kurr, der als Interessenvertreter einer US-amerikanischen Investorengesellschaft auftrat. „Knackpunkt war dabei die Immobilie, die wir nicht unter dem Marktwert verkaufen durften“, erklärte Weiß. Ein Insolvenzverwalter müsse Fakten zur Kenntnis nehmen, betonte Tillmann: „Binz ist seit Jahren defizitär. Da kommt irgendwann der Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht, weil sonst der Insolvenzverwalter selbst zur Kasse gebeten wird.“ Auch die Perspektiven im von der Dieseldiskussion und der Elektromobilität geprägten Binz-Geschäftsfeld seien derzeit nicht lukrativ für Investoren.

Binz fokussierte sich in den letzten Jahren auf Stretchlimousine, Behörden-, Spezial- und Sonderfahrzeuge auf Basis der Mercedes E-Klasse und des Tesla-Model S. Zum Leistungsspektrum des Automobilzulieferers gehörten ferner die Herstellung von Karosserien und Bauteilen, Lackierungen, Montage und Qualitätskontrolle.

Die Binz GmbH & Co. KG hatte im Juni 2018 Insolvenzantrag gestellt (auch für die zur Gruppe gehörenden PB Composit GmbH und die Lorcher Grundstücksgesellschaft). Als Grund wurden Liquiditätsprobleme angeführt, ausgelöst durch Verzögerungen bei der Produktentwicklung beim Modellwechsel der Mercedes E-Klasse und durch ausgebliebenes Frischgeld des Gesellschafters, der Private-Equity-Gesellschaft Nimbus in Holland. Trotz voller Auftragsbücher und großer Opfer der Belegschaft gelang der Turnaround nicht.

Peter Yay-Müller von der IG Metall wirft dem Insolvenzverwaltung eine „nicht durchgängig transparente Arbeit“ vor. Im Frühjahr 2018 habe man die Mitarbeiter überredet, auf die Mai-Löhne zu verzichten; nach dem Insolvenzeröffnungsantrag habe die Agentur für Arbeit drei Monate die Löhne und Gehälter bezahlt, danach seien die Mitarbeiter erst widerruflich und später unwiderruflich freigestellt worden – Yay-Müller: „Deshalb konnte zeitweise kein Arbeitslosen- und Urlaubsgeld ausbezahlt werden“. Der IG-Metaller hofft, dass die Binz-Beschäftigten jetzt schnell neue Arbeitsplätze finden: „Wir werden sie bei der Suche natürlich unterstützen“!

Die Insolvenzverwalter Rüdiger Weiß und Martin Tillmann verwahren sich gegen die Vorwürfe von Yay-Müller: „Wir haben bei allen Gesprächen den Mitarbeitern immer reinen Wein eingeschenkt, wir verstehen natürlich ihre Enttäuschung, weil der Großteil ihr Leben lang bei Binz angestellt war und mit dem Unternehmen emotional sehr stark verbunden ist“.

© Wirtschaft Regional 17.01.2019 19:14
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