Freie Fahrt für heimische Wirtschaft

Interview IHK-Verkehrsexperte Alexander Paluch begrüßt das Ende der Korridorsperrung für schwere Lastwagen im östlichen Kreis und plädiert für mehr Ortsumfahrungen.
  • Verkehrsexperte Alexander Paluch von der IHK Ostwürttemberg. Foto: Bernhard Hampp

Heidenheim

Rund acht Jahre lang galt im östlichen Ostalbkreis eine Korridorsperrung für schwere Laster über zwölf Tonnen Gewicht. Mit dem Fahrverbot auf der B 29 (Aalen-Nördlingen), der L 1060 (Ellwangen-Wallerstein) und weiteren Straßen Richtung bayerischer Grenze sollte auch möglicher Mautausweichverkehr ausgebremst werden. Nach der Ausweitung der Lkw-Maut auf alle Bundesstraßen hat das Landratsamt die Korridorsperrung zum 31. Oktober aufgehoben. Die IHK Ostwürttemberg hatte sich von Beginn an gegen die Sperrung und für eine Aufhebung eingesetzt. Der IHK-Verkehrsexperten Alexander Paluch nimmt dazu Stellung.

Aus der Wirtschaft gab es viel Kritik an der Sperrung - sind die Unternehmen jetzt glücklich?

Zunächst glaube ich, dass die Veränderung noch keine großen Auswirkungen auf die Unternehmen in Ostwürttemberg hat. Ziel- und Quellverkehr war ja von der Sperrung ausgenommen. Zudem weiß ich von einigen Unternehmen, dass sie Ausnahmegenehmigungen hatten. Diese zu bekommen bedeutete allerdings zusätzlichen bürokratischen Aufwand sowie Kosten, was jetzt wegfällt.

Müssen die Anwohner nun mit mehr Verkehr und Lärm leben?

Ob sich das für die Anwohner tatsächlich negativ bemerkbar macht, kann ich nicht beurteilen. Aber die Sperrung betraf ja ohnehin „nur“ die Lastwagen über zwölf Tonnen Gewicht und wie oben bereits erwähnt, waren auch der Ziel- und Quellverkehr sowie die Fahrten mit Ausnahmegenehmigungen ausgenommen. Zudem vermute ich, dass die Korridorsperrung mangels Personal letztlich nicht wirklich konsequent überwacht wurde. Wir verstehen natürlich die Sorgen der Anwohner. Wichtig ist aber auch: Eine Bundesstraße ist zunächst für den überregionalen Verkehr und auch den Warentransport da.

Auch wenn sie mitten durch den Ort geht?

Das ist natürlich nicht ideal und letztendlich nur durch Ortsumfahrungen sinnvoll zu lösen. Die Frage, was zuerst da war - die Straße oder die Wohnbebauung - bringt uns da auch nicht weiter. Der Verkehr wird ja nicht weniger, im Gegenteil. Jeder Transportunternehmer würde wohl Umgehungsstraßen begrüßen, anstatt durch enge und damit gefährliche sowie überfüllte Orte zu fahren, auch wenn das eine etwas längere Strecke bedeuten würde. Aber bei solchen Neubauten sind halt immer auch Kosten- und Umweltgesichtspunkte zu berücksichtigen.

Nachdem die Maut nun für Bundesstraßen gilt, fürchten die Anwohner von Landesstraßen wie der L 1060 Mautausweichverkehr auf ihren Straßen.

Die Transportunternehmen unter anderem aus unserem IHK-Verkehrsausschuss sagen uns dazu: Nur um etwas Maut zu sparen, würde vermutlich kein Unternehmer seine Fahrer auf lange und zeitintensive Ausweichrouten lotsen. Es geht den Unternehmen in erster Linie darum, Ware möglichst schnell von A nach B zu transportieren. Viel höhere Kosten würden dann auch für den Fahrer und den Diesel anfallen. Deshalb sagt wohl keiner, wir sparen uns die Maut und fahren dafür zig Kilometer mehr oder eine Stunde länger. Gerade jetzt, wo die Kraftfahrer Mangelware sind.

Warum ist das so?

Es besteht eine immer größere Schwierigkeit, qualifizierte Fahrer zu finden. Zum einen sind die Fahrer der Bundeswehr weggebrochen. Des weiteren reicht der Lkw-Führerschein allein nicht mehr aus, um gewerblich fahren zu dürfen. Es muss eine zusätzliche Grundqualifikation abgelegt haben. Gerade für ausländische Fahrer oft eine (zu) hohe Hürde, da diese im Gegensatz zum Führerschein nur in deutscher Sprache abgelegt werden kann. Dazu kommen wohl auch soziale Gründe. Die Nächte auf Rastplätzen sind weniger angenehm als zu Hause bei der Familie. Und gleichzeitig nimmt die Zahl der Güter, die transportiert werden, zu. Die Konjunktur ist gut, die Wirtschaft wird arbeitsteiliger und wir haben, auch bei uns in der Region, erfolgreiche Unternehmen und Marktführer, die für die ganze Welt produzieren. Hinzu kommt der boomende Online- und Versandhandel.

Wie wird dem Personalmangel gegengesteuert?

Hiesige Spediteure tun da schon einiges. Sie bieten beispielsweise Wohnungen und weitere private Unterstützung für ausländische Fahrer an. Oder natürlich mit intelligenter Logistik, etwa mit ausgeklügelter Disposition und Begegnungsverkehren. Damit keine Fahrten mehr durch ganz Deutschland nötig sind, tauschen zwei Fahrer in der Mitte die Laster und jeder ist abends wieder zu Hause, ganz vereinfacht gesagt. Eine Lösung - gerade für leichtere Waren - könnten auch Lang-Lkw, sogenannte Gigaliner, sein. Sie sorgen dafür, dass mehr Waren auf weniger Fahrten transportiert werden und sind damit ökologisch sinnvoll. Wir verstehen daher nicht, warum gerade das Verkehrsministerium des Landes Baden-Württemberg seit Jahren konsequent dagegen ist und das ganze sogar noch blockiert.

© Wirtschaft Regional 19.12.2018 16:37
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