Richtig entscheiden will gelernt sein

Interview Wissenschaftler Volker Busch hat beim Jahresausklang des Verbands Südwestmetall über den Wert von Intuition und Erfahrung gesprochen.
  • Entscheidungen mit Kopf, Bauch und Herz treffen - das empfiehlt Dr. Volker Busch. Foto: Andreas Grasser

Aalen

Zum Thema „Kopf oder Bauch? Richtig entscheiden in Zeiten von Big Data“ hat der Regensburger Neurowissenschaftler und Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, Dr. Volker Busch, bei der Bezirksgruppe Ostwürttemberg im Arbeitgeberverband Südwestmetall gesprochen.

In der Ankündigung zu Ihrem Vortrag heißt es, der Mensch entscheide 100.000 Mal pro Tag. Wirklich?

Volker Busch: Man geht davon aus, dass wir eine Entscheidung pro Sekunde treffen. Das sind nicht nur bewusste Entscheidungen – wie die Auswahl der Schuhe, sondern auch automatisierte – wie die Bewegungen, die wir mit der Zahnbürste machen.

Müssen wir mehr entscheiden als Menschen früherer Generationen?

Das ist wissenschaftlich zwar schwer zu beweisen, aber man geht davon aus, dass die heutige Welt mehr Entscheidungen verlangt. Das wird schon an profanen Dingen wie dem Fernsehprogramm deutlich: Die Generation unserer Eltern hatte noch die Wahl zwischen zwei Sendern, heute können Sie zwischen 580 Sendern, Netflix, Amazon und den Inhalten riesiger Mediatheken wählen. Oder denken Sie an die immense Auswahl, die Sie im Supermarkt, etwa zwischen verschiedenen Müsliriegeln, treffen können.

Sind all diese Entscheidungen nicht zu viel des Guten?

Die heutige Multioptionalität hat längst den Punkt überschritten, wo mehr Optionen automatisch einen Zugewinn an Lebensqualität bedeuten. Im Gegenteil: Weil eine Entscheidung für etwas ja auch immer eine Entscheidung gegen etwas anderes bedeutet, führt das zu Unzufriedenheit, der sogenannten Entscheidungsmelancholie. Oder zur Prokrastination – dem Aufschieben von Entscheidungen. Wenn Ihnen das Internet-Reiseportal 50 Hotels vorschlägt, sehnen Sie sich wieder zurück nach der Beratung im Reisebüro. Es gibt auch ein zu viel an Information.

Welche Rolle spielt, dass soziale und kulturelle Gruppen Menschen heute nicht mehr so stark beeinflussen?

Das spielt eine große Rolle. Die Rahmenstrukturen haben Orientierung gegeben, bestimmte Freiheiten gab es einfach noch nicht. Es hieß: Du wirst Schreiner wie der Papa. Oder: Einmal Kirchenchor, immer Kirchenchor. Oder: Was im Wirtshaus auf der Speisekarte steht, wird gegessen. Heute geht es darum, ständig auszuwählen. Das merken schon Studenten, die sich schwertun, in einer Vielzahl von Studien- und Berufsangeboten auszuwählen. Der Preis für die Freiheit ist heute oftmals eine allgemeine Desorientierung.

Wie sollen wir damit umgehen? Wir können die Zeit nicht zurückdrehen.

Nein, aber wir können geistige Freiräume bekommen, in uns hineinspüren, versuchen, näher an uns selbst zu sein. Wir können ein Bauchgefühl entwickeln und den Fokus für das, was uns wichtig ist, zurückgewinnen – und das als Leitplan nutzen. Wir sollten nicht versuchen, die perfekten Entscheidungen aufgrund von möglichst viel Information zu treffen, sondern klug auswählen und uns dabei auf unsere Erfahrungen stützen.

Wie sieht das im Geschäftsleben aus?

Hier wäre ein Beispiel, nicht in die allgemeine Hysterie einzusteigen, was Digitalisierung betrifft. Der Grundgedanke, dass sich Unternehmen an die Veränderungen anpassen müssen, ist natürlich richtig. Aber die Angstmacherei und der Druck, sich möglichst schnell jeder Veränderung anzupassen, führen häufig nicht zu durchdachten Entscheidungen. Statt auf jeden Zug aufzuspringen und unreflektiert jedem allgemeinen Trend zu folgen, müssen sich Unternehmer vielmehr fragen: Was ist für uns eigentlich wichtig? Man muss sein individuelles Business kennen und Mut zur eigenen Entscheidung haben, auch wenn sie gegebenenfalls dem Mainstream widerspricht. Für Unternehmen wie die Politik gilt, dass Entscheidungen aus Kollektivismus und einfachen Affekten heraus oftmals nicht nachhaltig sind.

Was unterscheidet eine Entscheidung aus dem Affekt von einer Entscheidung aus dem Bauch?
Eine Affekt-Entscheidung bedeutet aus einer emotionalen Bewegtheit heraus zu entscheiden, also beispielsweise aus Angst, Wut oder Verliebtheit. Intuitive Entscheidungen entstehen aus einer inneren Sicherheit heraus, weil wir ähnliche Situationen aus der Vergangenheit kennen und „wissen“, was der richtige Weg ist. Intuition ist abhängig von der Menge der Erfahrung, die wir auf einem Gebiet haben – Menschen, seien es Ärzte, Rechtsanwälte und Politiker, die eine Expertise aus Erfahrungen besitzen, werden in der heutigen schnelllebigen und unübersichtlichen Welt zunehmend wichtig.


Manche Menschen, auch Politiker, scheinen sich aber vor Entscheidungen und Verantwortung zu drücken.
Das liegt an einer der Leitneurosen unserer Zeit, dem Perfektionismus. Egal ob Urlaub, Job oder Partner – alles muss zu 120 Prozent passen. Da möchte man entweder die perfekte Entscheidung treffen oder gar keine. Keine Entscheidung zu treffen ist jedoch immer schlechter als die vermeintlich falsche. Daher sollten wir, statt große Entwürfe zu verfolgen, lieber in kleinen Schritten vorgehen. Danach können wir unsere Entscheidungen evaluieren und auch gegebenenfalls korrigieren. Zur Entscheidung gehört neben dem klugen Nachdenken (Kopf) und der Erfahrung (Bauch) eben auch der Mut (Herz) zu seinen Entscheidungen zu stehen und gegebenenfalls aus Fehlern zu lernen.

Infos unter www.drvolkerbusch.de

© Wirtschaft Regional 18.12.2018 10:13
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