Mehr Lehrstellen als Bewerber

Ausbildungsmarkt Die Zahl unbesetzter Ausbildungsplätze nimmt jährlich zu, nun will die Arbeitsagentur Jugendliche aus dem Raum Bochum herlocken.
  • Die Zahl der Bewerber (blau) geht in Ostwürttemberg seit Jahren zurück: An Ausbildungsstellen (rot) hingegen ist kein Mangel. Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Aalen

Früher bewarben sich junge Leute um einen Ausbildungsplatz – heute bewerben sich Unternehmen um Auszubildende: So hat Elmar Zillert, Chef der Arbeitsagentur Aalen, die aktuelle Situation am Lehrstellenmarkt umrissen. Vertreter von IHK und Handwerkskammer bestätigen das: Der Wettbewerb der Unternehmen um Berufseinsteiger verschärft sich.

So kamen Ende September auf 4049 gemeldete Ausbildungsstellen in Ostwürttemberg nur 3012 Bewerber – 390 Stellen konnten laut den Zahlen der Arbeitsagentur nicht besetzt werden. Das Überangebot an Ausbildungsplätzen beträgt 34,2 Prozent. „Und die Schere geht jedes Jahr weiter auseinander“, sagt Zillert, der an andere Zeiten erinnert: So habe es vor zwölf Jahren noch 80 Prozent mehr Bewerber als Stellen gegeben.

In absoluten Zahlen ging sowohl die Zahl der Stellen als auch die der Bewerber im Vergleich zu 2017 zurück. Die meisten Ausbildungsplätze gibt es für Einzelhandelskaufleute, Industriemechaniker und Bürokaufleute. Auf der Liste der Wunschberufe stehen Industriekaufleute, Bürokaufleute und Industriemechaniker ganz oben.

Während in kaufmännischen Berufen von einem Bewerbermangel nicht die Rede sein kann, tun sich Industrie und Handwerk im technischen Bereich schwer, junge Leute zu finden. „Großunternehmen haben jetzt vielleicht 1000 statt 2000 Bewerber, aber kleine Unternehmen stehen in manchen Fällen schon ganz ohne Bewerber da“, berichtet André Louis, Leiter des Geschäftsbereichs Ausbildung bei der Industrie- und Handelskammer Ostwürttemberg.

Die häufigsten IHK-Ausbildungsberufe sind derzeit Industriemechaniker, Zerspanungsmechaniker und Industriekaufmann. Als Grund für den Azubi-Mangel führte Louis den demografischen Wandel, aber auch einen immer stärkeren Trend an die Hochschulen und fehlende Ausbildungsreife einiger Schulabgänger an.

Das knappe Gut sind jetzt die Auszubildenden.

Elmar Zillert
Arbeitsagentur Aalen

Die Handwerker im Ostalbkreis bilden seit diesem Herbst 594 junge Leute neu aus, das sind knapp fünf Prozent weniger als noch im letzten Jahr. Im Kreis Heidenheim stieg die Zahl dagegen um acht Prozent auf 215. „Diese Zahlen unterliegen aber Wellenbewegungen, die sich über die Jahre ausgleichen“, sagt Dominik Maier, Fachbereichsleiter Nachwuchswerbung bei der Handwerkskammer Ulm. Am beliebtesten sind die Ausbildungen zum Kfz-Mechatroniker, Elektroniker und Anlagenmechaniker. Dabei begeisterten sich immer mehr Abiturienten für das Handwerk: Ihr Anteil an den Neueinsteigern liegt jetzt bei 15 Prozent.

Immer mehr Flüchtlinge beginnen Ausbildung

Auch Flüchtlinge machen einen immer größeren Teil des Handwerksnachwuchses aus. Im Ostalbkreis liegt ihr Anteil an den neuen Azubis mit 31 bei 5,2 Prozent, im ganzen Gebiet der Handwerkskammer Ulm sogar bei acht Prozent.

Maier berichtete von besonderen Initiativen der Handwerkskammer wie den „Willkommenslotsen“, die aktiv Ausbildungsplätze für junge Flüchtlinge vermitteln.

Neben zahlreichen Hilfs- und Förderangeboten, Elternberatung und Berufsbörsen setzen Arbeitgeber und Arbeitsagentur auch auf Nachwuchsgewinnung von außerhalb: Wie Elmar Zillert verrät, wirbt Ostwürttemberg derzeit verstärkt im Raum Bochum um junge Leute, die bereit sind in den Süden zu ziehen. Im Ruhrgebiet gibt sie nämlich noch – die jungen Leute, die händeringend nach einem Ausbildungsplatz suchen.

© Wirtschaft Regional 12.11.2018 15:50
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