„Krankenkassen werden belastet“

Gesundheit Josef Bühler, Geschäftsführer der AOK Ostwürttemberg, über das Wachstum seiner Krankenkasse, deren Rücklagenpolitik, die Konsolidierung der Branche und die Klinikdiskussion.
  • Josef Bühler, Geschäftsführer der AOK Ostwürttemberg. Foto: privat

Aalen

Die Zahlen sind deutlich: Mit 44 Prozent Marktanteil ist die AOK die größte gesetzliche Krankenversicherung in der Region. Im Interview erklärt Geschäftsführer Josef Bühler, warum trotz der vollen (Kranken-)Kassen die Beiträge auch 2019 nicht sinken werden.

Herr Bühler, die AOK Baden-Württemberg hat im vergangenen Jahr einen Überschuss von 292 Millionen Euro erzielt, verfügt dank einer boomenden Konjunktur über Rücklagen in Milliardenhöhe. Dennoch soll 2019 der Beitrag konstant bleiben. Warum entlasten Sie Arbeitnehmer und Arbeitgeber nicht?

Josef Bühler: Die AOK Baden-Württemberg hat in den vergangenen Jahren solide gewirtschaftet und entsprechende Rücklagen gebildet. Die seit Jahren boomende Konjunktur und die guten Tarifabschlüsse wirken sich positiv auf die Einnahmen aller gesetzlichen Krankenversicherungen aus. Wir werden, das können wir heute schon sagen, den Beitragssatz 2019, somit im vierten Jahr in Folge stabil bei 15,6 Prozent halten. Das ist doch schon beachtlich. Wir wollen Stabilität, Langfristigkeit und Verlässlichkeit dokumentieren. Kurzfristige Beitragssprünge sind nicht nachhaltig. Zum anderen ist aktuell nicht absehbar, wie sich die zahlreichen Gesetzesvorhaben der Regierung auf die Ausgaben der Krankenkassen auswirken werden. Klar ist: Es wird zu deutlichen Mehrausgaben kommen.

Sie meinen die Bestrebungen von Gesundheitsminister Jens Spahn, den Pflegesektor zu stärken

Dass die Pflege gestärkt wird, ist absolut zu begrüßen. Aber es darf nicht übersehen werden, dass die gesetzlichen Krankenkassen dadurch deutlich belastet werden. Die neuen, aber auch noch ältere Gesetze, etwa das Krankenhausstrukturgesetz von 2016, führen zu Mehrausgaben. Weil noch nicht abschließend klar ist, wie hoch diese ausfallen, werden wir den Beitragssatz stabil halten. Im letzten Jahr betrugen die Ausgaben der AOK Baden-Württemberg über 16 Milliarden Euro, 2,5 Milliarden entfallen auf den Pflegebereich. Dieses Volumen wird sich in den kommenden Jahren erhöhen. Hinzu kommt der demografische Faktor: Die Gesellschaft wird immer älter, entsprechend steigen die Ausgaben der Krankenkassen.

Die AOK weist nur landesweite Zahlen und Ergebnisse aus. Wie hat sich die AOK in Ostwürttemberg im vergangenen Jahr entwickelt?

Es wird zu deutlichen Mehrausgaben kommen.

Josef Bühler
Geschäftsführer AOK

Wir haben die Zahl der Versicherten 2017 auf 168.000 gesteigert – ein Plus von 4300 im Vergleich zu 2016. Bis Anfang Oktober 2018 haben wir unsere Versichertenzahl um 3800 erhöhen können. Das ist eine großartige Entwicklung, vor allem da das Wachstum deutlich über dem Branchenschnitt liegt. Auch landesweit wächst die AOK weiterhin stärker als ihre Wettbewerber. Das stimmt mich sehr zuversichtlich für den Rest des Jahres. Aktuell sind wir mit mehr als 170.000 Versicherten und einem Marktanteil von 44 Prozent die Nummer Eins in der Region. Finanziell gibt es bei der AOK keine nach Regionen getrennten Haushalte. In den vergangenen Jahren pendelt sich der Anteil der AOK Ostwürttemberg bei 3,8 bis 4 Prozent des Landeshaushalts ein. Das entspricht einem Volumen von rund 650 Millionen Euro pro Jahr.

Rund 110 Millionen Euro davon wandern jährlich in die regionalen Krankenhäuser. Um die Kliniklandschaft gibt es im Ostalbkreis permanent Diskussionen. Wie ist Ihr Standpunkt?

Die öffentliche Diskussion ist aktuell sehr intensiv. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass der Ostalbkreis, rein nach der Fläche, der drittgrößte Landkreis im Land ist. Für eine wohnortnahe medizinische Versorgung werden die bestehenden drei Standorte in Ellwangen, Aalen und Schwäbisch Gmünd aus AOK-Sicht daher nicht in Frage gestellt. Was aber erreicht werden muss, ist, die Strukturen der einzelnen Standorte optimal aufeinander abzustimmen. Wenn das gelingt, dann gewinnen mittel- und langfristig alle drei Standorte im Ostalbkreis. Hier steht der Klinikträger aber vor einer großen Herausforderung. Aus Ostwürttemberg-Sicht würde ich es begrüßen, wenn auch eine engere Kooperation und Abstimmung mit den Strukturen des Klinikums Heidenheim erfolgen würde.

Der Rückgang der Anzahl der Krankenkassen hat sich in den vergangenen Jahren verlangsamt, 2017 zählten Statistiker 110 Krankenkassen. Ist die Konsolidierung der Branche abgeschlossen?

Nein, ganz sicher noch nicht. Es wird auch in Zukunft noch weitere Zusammenschlüsse, hauptsächlich im Lager der betrieblichen Krankenkassen (BKK) geben, wenn auch die Reduzierung jetzt etwas langsamer verläuft als noch vor Jahren.

© Wirtschaft Regional 08.11.2018 17:32
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