Im Zeitalter des Passagiers

Industriedialog Beim Vortrag an der Hochschule Aalen stellt Rüdiger Freimann von der Hymer-Gruppe autonom fahrende Reisemobile vor.
  • Nicht die technischen Lösungen sondern den Wohnkomfort im autonomen Reisemobil stellte Rüdiger Freimann bei seinem Vortrag an der Hochschule Aalen in der Vordergrund. Foto: ham

Die Erwin-Hymer-Gruppe hat als weltweit erstes Unternehmen die Erlaubnis erhalten, autonom fahrende Reisemobile im öffentlichen Straßenverkehr zu erproben. Beim Industriedialog an der Hochschule Aalen hat Dr. Rüdiger Freimann, Head of Research & Development bei dem Caravanhersteller aus Bad Waldsee, von diesem Pilotprojekt berichtet. Er zeigte außerdem auf, dass die Themen Camping und E-Mobilität durchaus zusammengehen.

Vom Zeitalter des Fahrzeugs zum Zeitalter des Passagiers vollziehe sich die Entwicklung, sagte Freimann. Derzeit ist ein Hymer-Reisemobil autonom in Kanada unterwegs. Hauptsächlich, so Freimann, wird es auf Parkplätzen getestet. Es gehe nämlich nicht in erster Linie um die technische Umsetzung des autonomen Fahrens – daran arbeiteten die Automobilhersteller, die für Hymer wiederum Zulieferer sind. Das Fahren und die technischen Voraussetzungen dafür – „wie komme ich von A nach B“ – seien vielmehr sogenannte „Hygienefaktoren“, die zwar notwendig seien, aber für den Kunden nicht den Unterschied ausmachten: „Die Qualität ist das Wohnen“, so Freimann. Deshalb mache Hymer das Wohnmobil verstärkt zu einem mobilen Smart-Home, in dem Kunden zahlreiche Funktionen per App steuern, sich verschiedene Lichtstimmungen erzeugen lassen und ihre Reiseerlebnisse und -daten mit einer Community teilen.

Campingmobil ans eigene Haus andocken

„Die Freude beim Fahren zählt mehr als die Freude am Fahren“, so Freimann, der die typischen Wohnmobilkäufer so beschrieb: „Sie erfüllen sich einen Lebenstraum und zahlen das Reisemobil in bar.“ Neue Modullösungen machten es möglich, das geparkte Wohnmobil auch als einen zusätzlichen Raum ans eigene Haus anzudocken. Bis es soweit ist und die Camper sich von einem autonomen Fahrzeug in ihrem komfortablen Schlafzimmer durch die Nacht fahren lassen, seien noch Hürden zu nehmen – darunter das übergangsweise Nebeneinander autonomer und fahrergesteuerter Autos oder nötige politische Regelungen.

Die Freude beim Fahren zählt mehr als die Freude am Fahren.

Rüdiger Freimann
Erwin Hymer Group

In Richtung Zukunft bewege sich Hymer auch mit Leichtbaulösungen für Reisemobile und Prototypen wie dem „e.home Coco“, einem mit Solarstrom versorgten Wohnwagen, der mit seinem eigenen Elektroantrieb das Zugfahrzeug entlastet.

Freimann schnitt auch die geplante Übernahme der Hymer-Gruppe – eines familiengeführten oberschwäbischen Konzerns mit zuletzt 2,5 Milliarden Euro Jahresumsatz – durch die US-amerikanische Thor Industries an. Weil es hier noch keinen endgültigen Vertragsabschluss gebe, könne er allerdings keine genauen Aussagen zu dem Firmenverkauf machen, so Freimann auf eine Frage aus dem Plenum. Volker Schiek, Vorstandsmitglied des Landesnetzwerks Mechatronik BW, moderierte die Veranstaltung.

© Wirtschaft Regional 30.10.2018 12:55
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