Ein Prosit auf den Rekordsommer

Bier Das heiße Wetter sorgt für gute Absatzzahlen, dennoch wird in Deutschland immer weniger Bier getrunken – Mit welchen Strategien die Brauereien in der Region trotzdem wirtschaftlich erfolgreich sind.
  • Am Stammtisch.
  • Biersieder im Sudhaus der Ellwanger Rotochsenbrauerei. Fotos: Ellwanger Rotochsenbrauerei

Ein nahezu perfektes Jahr ist 2018 für die Brauer der Region. Dabei hatten viele bereits das Schlimmste befürchtet, als die deutschen Kicker bei der WM früh ausschieden. Bierdurst und Feierlaune ade? Nein, denn Rekordtemperaturen mit täglichem Biergarten- und Grillwetter haben diesen Effekt mehr als wettgemacht. „Sommer ist absolute Hochsaison“, weiß Timo Löffler von der Wasseralfinger Löwenbrauerei – kleinere saisonale Spitzen zu Weihnachten und Fasching fielen dagegen kaum ins Gewicht.

Nicht nur die Wetterabhängigkeit machen den Brauerei-Sektor zu einem besonderen Wirtschaftszweig. Auch die teils Jahrhunderte lange Tradition. Härtsfelder in Dunstelkingen, die Aalener Löwenbrauerei in Aalen und Rotochsen in Ellwangen wurden allesamt bereits im 17. Jahrhundert gegründet.

Besonders ist auch die kleinteilige Struktur. Bier wird von Familienunternehmen hergestellt und rund um den Kirchturm getrunken. Während bekannte Marken wie Krombacher, Jever oder Bitburger fleißig werben – und dafür als „Fernsehbiere“ geschmäht werden – geben sich viele regionale Brauer öffentlichkeitsscheu. Gefragt nach der aktuellen Geschäftsentwicklung verweisen manche auf Werbebroschüren oder Internetseiten. Die Heubacher Hirschbrauerei teilt gar mit, man gebe grundsätzlich keine Informationen über die Brauerei „an Dritte weiter“.

Offizielle Zahlen veröffentlicht der Deutsche Brauerbund. So wurden in Deutschland 2017 rund 94 Millionen Hektoliter Bier abgesetzt. Damit ist Deutschland Europas größte Braunation, liegt weltweit aber hinter China, den USA, Brasilien und Russland. Die großen Bierproduzenten in Baden-Württemberg sind Dinkelacker-Schwabenbräu in Stuttgart, Eichbaum in Mannheim und die Badische Staatsbrauerei Rothaus im Schwarzwald.

In Ostwürttemberg gilt Wasseralfinger als Nummer Eins. Geschäftsführer Timo Löffler führt die starke Stellung auch auf die Entwicklung zurück: „Vor 20 Jahren gab es in Aalen noch fünf Brauereien, heute sind es noch zwei.“ Viele Biertrinker, glaubt Löffler, mussten sich eine „neue Heimat“ suchen und haben sie im Wasseralfinger, das traditionell nur die beiden Sorten Pils und Spezial anbietet, gefunden. Das Unternehmen, das mit „Gebraute Lebensfreude“ wirbt, beschäftigt 30 Mitarbeiter.

Kein Vergleich zur Konkurrenz aus dem 50 Kilometer entfernten Oettingen. Die Rieser mit ihren 1050 Mitarbeitern produzierten vergangenes Jahr laut Fachmedien 8,6 Millionen Hektoliter, 2012 sogar mehr als zehn Millionen Hektoliter. Kein Supermarkt oder Discounter in Deutschland, in denen das Niedrigpreis-Bier nicht im Regal steht.

Größter Bierhersteller in Deutschland ist die Radeberger-Gruppe (Jever, Berliner Pilsner) mit mehr als 11,5 Millionen Hektolitern – international dennoch ein kleines Licht. Weltmarktführer Anheuser-Busch/Inbev, zu dem in Deutschland etwa Becks, Diebels, Hasseröder, Franziskaner und Löwenbräu gehören, kommt auf mehr als 450 Millionen Hektoliter. Dass die Brauer in Ostwürttemberg in einer anderen Liga spielen, wird nicht nur hier deutlich. So beträgt etwa der Ausstoß von Härtsfelder in Dunstelkingen 10.000 Hektoliter jährlich.

Die Lammbrauerei Untergröningen, geleitet von Andreas Kunz in sechster Generation, stößt 3000 bis 4000 Hektoliter jährlich aus und macht deutlich, was die regionalen Brauer im Vertrieb von den Fernsehbieren unterscheidet. In Untergröningen setzt man in hohem Maß auf Direktvermarktung, Vereine und Festveranstaltungen werden beliefert. Aber auch die eigene Brauereigaststätte mit Fremdenzimmern, die Kunz’ Schwester Annette Hafner führt, gehört zum Betrieb. Seit 2012 gibt es den Brauereiausschank „Hinz & Kunz“ in der Gmünder Ledergasse. In Planung ist außerdem ein Gasthaus auf dem Gmünder Zeiselberg mit 100 Sitzplätzen und 250 Plätzen im Biergarten. Wer im Gasthaus war oder an einer Brauereiführung teilgenommen hat, kauft sich das Bier für zu Hause – so das Kalkül.

Wichtigster Partner für die regionalen Brauer in Ostwürttemberg ist der Getränkefachgroßhandel. Aber auch der Absatz in den Wirtshäusern hat Tradition: „Wir sind stolz, dass wir mit einigen gastronomischen Betrieben und Familien über 100 Jahre vertrauensvoll zusammenarbeiten“, sagt Alexander Veit von der Ellwanger Rotochsenbrauerei.

Unzufriedenheit mit den „Wahnsinnsrabatten“

Man muss Ideen haben.

Andreas Kunz Lammbräu Untergröningen

Genutzt werden alle Vertriebskanäle: So verweist die Brauerei Ladenburger aus Neuler auf ihrer Homepage auf einen Online-Shop. Die Privatbrauerei Schlumberger aus Nattheim betreibt einen Bräumarkt auf mehr als 1000 Quadratmetern, der bereits als „Deutschlands bester Getränkefachmarkt“ ausgezeichnet wurde. Dass der Bierlaster vor die Haustür kommt, wird seltener. Als eine von wenigen Brauereien beliefert Hald aus Dunstelkingen rund 1500 Privathaushalte im Getränke-Heimdienst.

Einige gehen auch Partnerschaften mit dem Lebensmittel-Einzelhandel ein. Andere fürchten dagegen die Marktmacht der Einzelhandelsketten, die die Preise diktieren könnten: Wer sein Bier im Supermarkt verkaufen will, muss sich oft den Bedingungen von Edeka & Co. beugen, die wiederum günstiges Bier mitunter als Lockmittel für Kunden einsetzen. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) von 2017 werden drei von vier Kästen der bekannten deutschen Pilsmarken als Sonderangebote verkauft.

Das gefällt Brauern der Region nicht: „Wir sehen das sehr skeptisch, dadurch wird die Wertigkeit des Naturprodukts Bier nicht unterstrichen“, sagt Christoph Hald. „Mit Wahnsinnsrabatten verkommt das Lebens- und Genussmittel Bier schnell zur Ramschware“, pflichtet Alexander Veit aus Ellwangen bei. „Wir haben einen Bierpreis entwickelt, den wir als fair empfinden“, sagt Timo Löffler aus Wasseralfingen. Die Kunden ärgerten sich, wenn sie ihr Lieblingsbier kauften und das gleiche Bier am nächsten Tag billiger sähen. Die Preisaktionen zeigen, wie hart umkämpft der Markt ist. 100 Millionen Hektoliter Bier wurden 2009 abgesetzt, 2017 waren es noch 93,5 Millionen. Der Pro-Kopf-Verbrauch sinkt seit Jahren. Er lag 2017 bei 101,2 Litern. Gleichzeitig jedoch wächst die Zahl der Produzenten. Von einem Brauereisterben kann nur bedingt die Rede sein. Der Deutsche Brauerbund zählte im vergangenen Jahr 1462 Braustätten – im Vergleich zu 1331 im Jahr 2009. Immer mehr kleine Brauereien, die Craft- und Spezialitätenbiere anbieten, drängen auf den Markt. In Abtsgmünd hat Christof Wieland – ehemaliger Braumeister der Aalener Grünbaumbrauerei – Ende 2009 einen solchen kleinen Betrieb eröffnet. Einige Hundert Hektoliter bio-zertifiziertes Bier produziert Wielands Bierbrauerei im Jahr.

Saisonale Spezialbiere und Festzeltverleih

Mit unterschiedlichen Strategien versuchen sich die regionalen Produzenten zu behaupten. Ein Trend, der allen entgegenkommt, ist die Regionalität. „Immer mehr Verbraucher legen Wert auf Lebensmittel, die aus der Region stammen, die nicht hunderte von Kilometer transportiert worden sind, bei denen die Hersteller und Mitarbeiter persönlich bekannt sind und die mit Ihrer Person für die Qualität der Produkte und Dienstleistungen stehen“, fasste es Alexander Veit aus Ellwangen zusammen.

Regional reicht nicht. „Man muss Ideen haben“, lautet die Devise von Andreas Kunz aus Untergröningen. So hat die Lammbrauerei vier Saisonbiere eingeführt, die guten Absatz finden: Das Winterbier Basalt, für dessen Herstellung heiße Basaltsteine verwendet werden, das Urkorn aus Emmer und Einkorn, das Summer Pale Ale und das Grünhopf mit Hopfen aus dem hauseigenen Garten.

Eines der zahlreichen weiteren Geschäftsfelder für die Untergröninger, die insgesamt 70 Mitarbeiter beschäftigen, ist der Festzeltverleih. Darüber hinaus stellen sie im Auftrag anderer Anbieter und Marken Bier her: So wird das Stuttgarter dunkle Zacke-Bier in Untergröningen gebraut. „Wir haben die nötigen Gerätschaften und können ab einer Menge von 2000 Litern auch für andere produzieren“, sagt Kunz.

Standbein alkoholfreie Getränke

Vieles wird ausprobiert. So bietet Königsbräu aus Oggenhausen auf seiner Website Biersenf und Brand aus Bierhefe an. Ebenfalls auf dem Vormarsch und für viele regionale Brauer: öko. Bei der Härtsfelder Familienbrauerei Hald etwa entsprechen 20 Prozent der Bierproduktion Bioland-Kriterien. Die Schlüssel-Brauerei aus Giengen verwendet eigenes Brauwasser aus der 60 Meter tiefen Quelle und setzt auf Mehrwegflaschen ohne Silberhalsfolie, umweltfreundliche Etiketten, kurze Wege sowie die Rückführung von Warm- und Kaltwasser zur Wiederverwendung. Ein anderer Trend geht weg vom klassischen Pils, Export, Hellem oder Weizen hin zu alkoholreduziertem oder Mix-Bier. In Deutschlandhat sich die Produktion von alkoholfreiem Bier seit 2005 mehr als verdoppelt. Sogenannte Fitnessbiere mit Zitrone und Grapefruit finden Freunde. So bietet Heubacher ein „Natur-Radler alkoholfrei“ an. Christoph Hald aus Dunstelkingen sagt: „Wir produzieren mittlerweile 5000 Hektoliter Bier-Mischgetränke wie Radler, Russ, Natur-Radler, Natur-Radler alkoholfrei, Schwarzes Radler, rotes Radler und Goiß.“ Und: Hald beweist, dass es auch ganz ohne Bier geht. „Neben den Bieren und Biermisch-Getränken füllen wir etwa 40.000 Hektoliter alkoholfreie Getränke ab und können den Kunden ein Vollsortiment vom Wasser bis zum Direktsaft aus eigener Herstellung anbieten“, sagt er. Das hilft im Sommer vielleicht sogar besser gegen den Durst als Gerstensaft und kann auch für die regionalen Brauer ein Weg sein: Laut der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke tranken Deutsche 2017 im Durchschnitt 115,8 Liter Erfrischungsgetränke, 148,3 Liter Mineralwasser, und 32,2 Liter Fruchtsaft – dank des heißen Sommers dürfte 2018 diesen Wert noch toppen.

© Wirtschaft Regional 29.08.2018 10:58
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