Die Kfz-Steuer wird für viele Neuzulassungen teurer

Die neue Messmethode WLTP ist strenger. Das führt zu höheren Abgaben und zu längeren Lieferzeiten bei manchen Modellen.
  • So werden nach dem WLTP-Verfahren die Abgasemissionen gemessen. Foto: Volkswagen AG/dpa
Der Finanzminister kann sich freuen – viele Autofahrer nicht. Denn für neu zugelassene Wagen steigt bei vielen Modellen vom 1. September an die Kfz-Steuer. Das liegt an dem neuen, realitätsnäheren Abgastest WLTP. Es ist eine Abkürzung, die viele Autofahrer nun kennenlernen dürften.

Zwar ist der Pkw-Bestand von der Neuregelung nicht berührt – wer aber ein Fahrzeug neu zulässt, muss mit einem WLTP-Zuschlag rechnen. Die Kfz-Steuer werde für viele Autofahrer, die ihr Fahrzeug erstmals zulassen, höher ausfallen, sagt der ADAC-Vizepräsident für Verkehr, Ulrich Klaus Becker. „Im Ergebnis führt die Umstellung zu einer spürbaren Erhöhung der Kfz-Steuer.“

Nach ADAC-Rechnungen steigt die Kfz-Steuer für einzelne Modelle um mehr als 70 Prozent. Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center an der Uni Duisburg-Essen sagt, es sei beim WLTP-Test mit einem 20 Prozent höheren Treibstoffverbrauch und damit 20 Prozent höheren Werten beim Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxid (CO2) zu rechnen. Dudenhöffer erwartet im Durchschnitt 50 EUR mehr Kfz-Steuer.

„Das sind keine großen Beträge, aber für viele ist das dennoch ärgerlich“, sagt Isabel Klocke, Abteilungsleiterin Steuerrecht beim Bund der Steuerzahler. Empfehlenswert sei deshalb, sich vor dem Neuwagenkauf Hubraum und WLTP-Wert vorlegen zu lassen.

Und was bringt das Ganze dem Fiskus? Im Haus von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) gibt man sich wortkarg. Mangels ausreichender Datenbasis seien „verlässliche repräsentative Aussagen“ noch nicht möglich, sagt ein Sprecher. Das Ministerium will die Auswirkungen von WLTP auf die Kfz-Steuer nach einem Jahr überprüfen.

Bisher bringt die Kraftfahrzeugsteuer dem Bund knapp 9 Mrd. EUR pro Jahr. Durch WLTP kommt es nun zu einem „Papiereffekt“, wie Dudenhöffer es beschreibt: Die tatsächlichen Verbrauchsdaten und Emissionen bleiben gleich, es ändert sich aber die Steuereinstufung. Der Branchenexperte rechnet mit Steuermehreinnahmen von rund 170 Mio. EUR im Jahr.

Allerdings dürfte der Zuschlag erst nach und nach wirksam werden. Denn bei Autobauern kommt es wegen der Umstellung auf WLTP derzeit zu Lieferengpässen, vor allem beim VW-Konzern. Die Hersteller müssen Modelle unter den schärferen Bedingungen neu zertifizieren lassen – alleine bei VW müssen mehr als 260 Getriebe-Motorkombinationen neu gemessen und zugelassen werden. VW musste wegen fehlender Zulassungen für Neuwagen riesige Parkplatzflächen mieten. „Der deutsche Automarkt wird durch WTLP im zweiten Halbjahr deutlich gebremst“, prognostiziert Dudenhöffer.

„Lieferengpässe und Verzögerungen wie gegenwärtig bei einzelnen Fahrzeugmodellen sind bedauerlich und ärgerlich“, sagt ADAC-Vizepräsident Becker. „Aus Sicht von Kunden, die länger auf ihr Wunschauto warten müssen, genauso wie für Unternehmen und Belegschaft.“ Die Einführung der neuen Abgasgesetzgebung sei dennoch richtig.

WLTP könnte noch einen anderen Effekt haben. Zusammen mit geplanten strengeren CO2-Grenzwerten in der EU könnte der neue Prüfstandard den Umstieg auf alternative Antriebe beschleunigen, sagt Dudenhöffer.

Umweltverbände und Grüne fordern einen grundlegenden Kurswechsel vor allem mit Blick auf schwere SUVs – ein Segment, das nach wie vor boomt. Eine „geringfügig“ höhere Kfz-Steuer für schwere SUVs werde den Trend zu diesen Fahrzeugen nicht bremsen, sagt Grünen-Bundestagsfraktionsvize Oliver Krischer.

Sein Argument: „Dafür sind die Aufschläge leider viel zu gering. Es bräuchte eigentlich eine Kfz-Steuer, die schwere Spritschlucker mit hohem CO2-Aus- stoß viel stärker belastet. Aus den Einnahmen ließen sich CO2-freie Elektroautos deutlich stärker fördern.“ Andreas Hönig
© Südwest Presse 29.08.2018 07:46
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