„Region ist Treiber der Innovation“

Interview Der Heidenheimer Professor Rolf Assfalg erklärt, warum die Wirtschaft wegen des Megatrends Industrie 4.0 an der Schwelle zu einer neuen Form des Kapitalismus steht.
  • Rolf Assfalg, 54, leitet seit 1999 den Lehrstuhl für Informationstechnik an der DHBW Heidenheim. Foto: DHBW

Heidenheim

Industrie 4.0 und die Digitalisierung sind in aller Munde. Doch wie wirken sich diese Megatrends auf die heimischen Unternehmen aus? Unser Mitarbeiter Philipp Peters sprach mit Prof. Dr. Ralf Assfalg, Experte für Automatisierungstechnik an der DHBW in Heidenheim darüber.

Prof. Assfalg, das Thema Automatisierung beschäftigt die Industrie seit den 1970er-Jahren. Ist das im 21. Jahrhundert noch aktuell?

Prof. Dr. Ralf Assfalg: Aber sicher! Automatisierung ist ein evolutionärer Prozess, der so schnell nicht enden wird. Mittlerweile sind wir bei der vierten Stufe der industriellen Evolution angekommen - daher das Schlagwort Industrie 4.0. Automatisierung ist ein Teil der Vorgeschichte und heute geht es um Vernetzung und Daten.

Welche Branchen sind denn besonders weit?

Da sind an erster Stelle natürlich Maschinenbau und Automobilindustrie zu nennen. Sie finden hier in der Region viele Firmen, die als Zulieferer als Multiplikator der Automatisierung fungieren.

Was können Unternehmen tun, um ihren Mitarbeitern die Angst zu nehmen, wenn alte Gewohnheiten aufgebrochen werden?

Die viel größere Änderung war doch, als in den Büros PCs eingeführt wurden, und heute geht es sozusagen nur noch um den tiefergehenden Einsatz von Computern. Das Schlagwort heißt Digitalisierung. Die Konsequenz hieraus wäre das papierlose Büro. Diese Vision aus den 1970er-Jahren wird heute immer noch nicht gelebt. Ich kenne nur eine einzige Firma hier in der Gegend, die das weitgehend geschafft hat. Dies so weiter zu entwickeln, dass es bei allen Arbeitsplätzen ankommt, wird ein Thema für die nächsten zehn Jahre sein.

Mit welchen anderen Entwicklungen müssen wir noch rechnen?

Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Form des Kapitalismus, einem sogenannten Plattform-Kapitalismus. Plattformen wie Amazon, Google oder Facebook sind in ihren Bereichen dominant. Es deutet sich aktuell an, dass sich solche Plattformen nun auch im industriellen Umfeld und in der Energie- und Rohstoffversorgung etablieren. Voith Paper erwägt beispielsweise von Heidenheim aus Papiermaschinen über die Cloud zu steuern. Das wäre dann eine Plattform für den Betrieb von Papiermaschinen. Stellt man sich das für den gesamten Bereich der Robotik vor, dann könnte die produzierende Industrie von ganz wenigen Plattform-Betreibern dominiert werden. Das mag effizienter erscheinen, birgt aber nicht unerhebliche Risiken. Es würde zu Monopolbildungen kommen, und die bewährte Markwirtschaft könnte in große Gefahr geraten.

Wir müssen uns nicht fürchten.

Ralf Assfalg
Professor an der DHBW

Und wenn das Internet ausfällt, stehen die Maschinen still.

Ja, das kommt noch hinzu. Wenn Sie einen Betrieb nehmen, der noch nicht so stark automatisiert und vernetzt ist, dann ist sein maximales Risiko, dass er keinen Strom hat. Aber im Endausbau von Industrie 4.0 funktioniert ja alles nur noch über das Internet und sogar die Stromversorger hängen davon ab. Da fallen mir gleich mehrere Bedrohungen gleichzeitig ein: Cyber-Angriffe, solare Protuberanzen, Terroranschläge auf das Internet, die als Kollateralwirkung zusätzlich auch noch Stromausfälle bewirken können.

Wird das Thema Sicherheit denn ausreichend gewürdigt?

Das fängt jetzt gerade an. Größere Industriebetriebe stellen in letzter Zeit Personen speziell für den Bereich Cyber-Security ein. Wo bislang die IT-Abteilung verantwortlich war, werden jetzt separate Verantwortlichkeiten geschaffen.

Heißt das, die Gefahr der Angriffe von außen wurde bislang unterschätzt?

Nein. Unsere Unternehmer sind konservativ genug, um vorsichtig zu sein. Neue Technologien waren immer schon mit Risiken verbunden. Als die ersten Roboter aufgestellt wurden, mussten erst ein paar Arbeitsunfälle passieren, bis man wusste, wie man so ein System absichert. Heute ist das ja alles in formale Regeln gegossen, die fast gesetzlichen Charakter haben. Unternehmen sind auf die Art konditioniert worden und haben inzwischen Sicherheitsreflexe gebildet, die im Zeitalter von Cyber-Security ganz gut funktionieren.

Kuka plant, Pflegeroboter zu entwickeln, die in Krankenhäusern eingesetzt werden. Ist das realistisch?

Es kann durchaus sein, dass Pflegeberufe ganz aus der Mode kommen. Dann hätten wir keine andere Wahl, als es technisch zu lösen. Vom Zwischenmenschlichen her würde ich das aber bedauern. Nennen wir es gesunde Skepsis.

Müssen wir die ein Stück weit ablegen, um nicht abgehängt zu werden? Innovationszyklen werden kürzer.

Also hier in der Region sind wir auch im internationalen Vergleich gut aufgestellt und die Region ist selbst Treiber der Innovation. Es gibt keinen Grund, da jetzt einen Minderwertigkeitskomplex zu entwickeln. Die Chinesen hätten sich ja nicht für Kuka interessiert, wenn das Unternehmen kein Weltmarktführer wäre. Wir müssen uns nicht fürchten

© Wirtschaft Regional 18.07.2018 16:35
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