„Mittelstand muss offener werden“

Arbeitgeber im Dialog Im Rathaus Ellwangen erklärt der Trierer Professor Jörn Hendrich Block, wie der ländliche Raum erfolgreich bleiben kann – und welche Rolle dabei Start-ups spielen können.
  • Das Podium im Rathaus Ellwangen: Jörn Hendrich Block, Johannes Lutz, SWR-Moderatorin Annette Schmidt, Florian Maier, Chef von Christian Maier in Heidenheim, Klaus Pavel und Nikolaus Albrecht, Chef von Facility Network in Ellwangen (von links). Foto: rs

Ellwangen

Jörn Hendrich Bloch macht zu Beginn seines Vortrags bei der Südwestmetall-Veranstaltung „Arbeitgeber im Dialog“ im Ellwanger Rathaus eines klar: „Nicht die großen Konzerne machen Deutschland zur Top-Export-Nation, sondern der Mittelstand.“ Der Professor der Universität Trier forscht seit Jahren zu den Themen Mittelstand, Hidden Champions und familiengeführten Firmen.

Trotz der aktuellen Erfolgsstory stehe der Mittelstand in Deutschland vor großen Herausforderungen. Wie Start-ups und Familienunternehmen die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft in der Region sichern können, erklärte Block – passenderweise – anlässlich der Eröffnung der Karikaturenausstellung „Ludwig Erhard – gestern/heute/morgen“. Der Altkanzler gilt als Begründer der Sozialen Marktwirtschaft, die Deutschland erst auf dieses hohe wirtschaftliche Niveau gebracht hat.

„Wir haben einen Zusammenhang zwischen der Patentdichte und der Anwesenheit von familiengeführten Unternehmen gefunden“, so Block. Eine mittelständische Struktur schaffe Innovationskraft, aber auch – mindestens ebenso wichtig für den ländlichen Raum – verlässliche Arbeitsplätze. Angesichts der steigenden Innovationsgeschwindigkeit und den Umwälzungen in verschiedenen Branchen, vor allem durch die Digitalisierung, stehen die Firmen vor gewaltigen Herausforderungen. „Familienunternehmen betreiben sehr viel eigene Forschung“, erklärte Block. Das sei ein Erfolgsfaktor, verleite die Unternehmen aber auch dazu, eher inkrementelle, also kleinere Innovationen hervorzubringen, die bestehende Produkte kontinuierlich verbesserten.

Kooperation zwischen Mittelstand und Start-ups?

„Familienfirmen sind nicht dafür bekannt, disruptive Technologien zu entwickeln“, so Block und meint damit Innovationen, die einen Markt verändern. Im Gegenteil: Der disruptive Wandel bedrohe den Mittelstand, so das Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung.

Die Lösung? „Der Mittelstand muss seine eigenen Innovationsprozesse offener gestalten“, erläutert Block. Er schlägt deshalb Kooperationen mit Existenzgründern und Start-ups, vor, die dem Mittelstand die notwendige Offenheit und Unvoreingenommenheit bringen könnten.

Die Start-ups zieht es in die Metropolen.

Jörn-Hendrich Block
Professor an der Uni Trier

In der Zusammenarbeit gebe es aber Schwierigkeiten, derer man sich als Unternehmen gewahr werden muss. Mittelstand und Start-ups müssten offener miteinander umgehen. Zudem gebe es Unterschiede in der Unternehmenskultur, den Geschäftsmodellen und der Finanzierungsstruktur. Ebenso existiert in Deutschland ein starkes regionales Ungleichgewicht. „Die Start-ups zieht es in die Metropolen, der Mittelstand ist vor allem im ländlichen Raum zu Hause“, sagt Block.

Zahl der Existenzgründungen geht zurück

In Deutschland ist angesichts der guten konjunkturellen Lage die Zahl der Gründungen rückläufig. Die ländlichen Regionen müssten deshalb verstärkt Plattformen, Cluster oder Netzwerke schaffen, wo sich Start-ups nicht nur ansiedeln, sondern sich auch mit Firmen austauschen können.

In der Podiumsdiskussion betonte Landrat Klaus Pavel, dass der Ostalbkreis gemeinsam mit der Wirtschaftsfördergesellschaft WiRO bereits zahlreiche Projekte wie die Start-Up-Region Ostwürttemberg angestoßen habe. „Wir wollen die Rahmenbedingungen schaffen und das werden wir auch“, so Pavel, der auf die Hochschule Aalen als forschungsstärkster Hochschule des Landes und das Innovationszentrum verwies. „Wir wollen auch in zehn Jahren die Region der Talente und Patente sein.“

Zudem betonte der Aalener Unternehmensgründer Johannes Lutz, Chef von Mark3D, dass Innovation kein Selbstzweck sein dürfe. „Es muss eine tolle Idee sein, die auch am Markt funktioniert.“ 3DMark hat das geschafft. Lutz beschäftigt inzwischen sieben Mitarbeiter. Folge: Die Räume im Innovationszentrum werden knapp. „Was in der Region fehlt, ist ein Platz für flügge gewordene Start-ups, die jetzt den nächsten Schritt machen wollen.“

© Wirtschaft Regional 07.03.2018 17:04
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