Chinas Ziel: Qualität statt Quantität

IHK-Jahresempfang Der chinesische Botschafter Shi Mingde wirbt für den Ausbau der deutsch-chinesischen Beziehungen - und gibt Einblicke in die künftige Strategie des Reichs der Mitte.
  • Von links: der mit dem Hermes geehrte, ehemalige IHK-Präsident Carl Trinkl, sein Nachfolger Markus Maier, der chinesische Botschafter Shi Mingde, IHK-Hauptgeschäftsführerin Michaela Eberle, IHK-Vizepräsident und Voith-Chef Dr. Hubert Lienhard. Foto: IHK Ostwürttemberg

Heidenheim

Mehr als 60 Unternehmen aus der Region pflegen Außenwirtschaftsbeziehungen nach China. Das Reich der Mitte ist ein wichtiger Handelspartner für Ostwürttemberg. Nicht nur deshalb lud die IHK den chinesischen Botschafter, Shi Mingde, zum IHK-Jahresempfang nach Heidenheim ein. Doch Mingde warb nicht nur für den Ausbau der deutsch-chinesischen Partnerschaft, sondern versuchte den 400 Besuchern im voll besetzen Saal der IHK die spezifischen Eigenheiten des chinesischen Status-Quo und der Entwicklung dorthin zu vermitteln – und das pointiert und offen.

„Innerhalb von dreißig Jahren hat uns der Versuch, die sowjetische Planwirtschaft für China zu übernehmen, ins Chaos gestürzt“, so Shi Mingde über die Zeit nach 1949. Doch seit 40 Jahren nun entfaltet ein weltweit einzigartiges Wirtschaftssystem seine Wirkung: die Verbindung von Marktwirtschaft und Sozialismus. In Zahlen: Ende der 1970er-Jahre erwirtschaftete China 1,8 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung, heute sind es 15 Prozent. „Die Armutsrate ist drastisch gesunken. China steht für Prosperität und Stabilität. Das sind die Fakten.“

Der Aufstieg hat seinen Preis. Mingde sprach klar die Probleme Chinas an: Ökologie, Gleichberechtigung, gesellschaftlich-demokratische Teilhabe auf der politischen, die schwache Innovationskraft, die Fokussierung auf eine reine Wachstumspolitik und die Integration der vielen Menschen in den Arbeitsmarkt auf der wirtschaftlichen Seite. Schließlich gebe es nicht nur acht Millionen Hochschulabsolventen, sondern auch 16 Millionen Geburten pro Jahr in seinem Land. „Es ist bei diesen Dimensionen falsch, unsere Regierung an deutschen Maßstäben zu messen“, verteidigte er das autoritäre Regime in Peking.

Der Motor brummt. Die Ostwürttemberger Turbine läuft.

Markus Maier,
IHK-Präsident

Die Herausforderungen bleiben groß. So müsse sich China zudem vom handelspolitischen Außenseiter zu einem Mitgestalter entwickeln – und das eigene Wirtschaftssystem auf eine neue Stufe heben: weg von Werkbank der Welt hin zu einer Hochtechnologienation. „Qualität statt Quantität“, umriss Shi Mingde das Ziel. Er regte deshalb den Ausbau der deutsch-chinesischen Partnerschaft an – in allen Bereichen: vom Ausbau des Handels hin zu Technologiekooperationen oder gemeinsamen Infrastrukturprojekten. Das geopolitisch ambitionierte wie umstrittene Entwicklungsprogramm der neuen Seidenstraße verteidigte der Botschafter: Es sei eine „Win-win-Situation für China und Deutschland“.

Allerdings gibt es bei allen gemeinsamen Chancen auch Meinungsverschiedenheiten zwischen den Nationen. Der Botschafter kritisierte die Verschärfung des Außenwirtschaftsgesetzes, die die Bundesregierung angesichts chinesischer Investitionen in deutsche Unternehmen in der Vergangenheit durchgesetzt hatte. „Das halte ich für politisch falsch und protektionistisch.“ Voith-Chef Dr. Hubert Lienhard hatte in seiner Rede zuvor wiederum angemahnt, deutsche Unternehmen müssten in China die gleichen Rechte besitzen wie chinesische in Deutschland.

In seiner Ansprache zu Beginn des Jahresempfangs hatte IHK-Präsident Markus Maier zuvor die Lage in Ostwürttemberg analysiert: „Ein Einbrechen der Konjunktur ist weiterhin nicht in Sicht. Der Motor brummt. Die Ostwürttemberger Turbine läuft“, so Maier. Damit das so bleibt, fordert er Investitionen seitens der Politik. Der Kammerpräsident nannte den Fachkräftemangel als eines der drängendsten Probleme. Ebenso müsse man in Innovationen und Digitalisierung investieren. „Ostwürttemberg braucht Investitionen in Ideen, Maschinen und Anlagen, um Innovationen hervor zu bringen, mit denen wir im Zeitalter der Digitalisierung unsere Zukunft sichern können.“

© Wirtschaft Regional 28.02.2018 21:47
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