AOK regt Bürokratieabbau an

Gesundheitswesen AOK-Chef Dr. Christopher Hermann besucht Ostwürttemberg. Klare Worte schickt er in Richtung Politik. Es soll vor Ort mehr Spielraum geben.
  • Dr. Christopher Hermann (2.v.re.), Chef der AOK Baden-Württemberg, zu Besuch im Kundencenter Aalen. Von links: AOK-Geschäftsführer Josef Bühler, Kundencenterleiter Kai-Uwe Jander, rechts Michael Svoboda, stellvertretender Geschäftsführer der AOK Ostwürttemberg. Foto: sk

Aalen

Mit viel Rückenwind angesichts eines dicken Mitgliederzuwachses von über drei Prozent tingelt Dr. Christopher Hermann, Vorstandschef der AOK Baden-Württemberg, durch die 14 Bezirksdirektionen der Krankenkasse. In Ostwürttemberg macht der (fast) 63-Jährige im Kundencenter Aalen am Donnerstagnachmittag Station.

Mit Vorreden hält er sich nicht sehr lange auf: Christopher Hermann sucht sofort den Kontakt zu den Mitarbeitern und kommt im Pressegespräch schnell auf den Punkt. Digitalisierung brennt auch der AOK-Administration wie den Mitarbeitern unter den Nägeln. Zu einer sich verändernden Kliniklandschaft, zum Ärztemangel auf dem Land oder zum Wettbewerb der Kassen und der Mitgliederentwicklung hat der AOK-Chef Zahlen und Fakten parat. „Die Entwicklung bei den Kliniken im Ostalbkreis, unter ein organisatorisches Dach zu schlüpfen, halte ich für richtig und notwendig“, sagt er dezidiert. Die Qualität medizinischer Versorgung müsse gewährleistet werden, ohne eine dezentrale Versorgung zu gefährden. vernünftige Zuordnungen seien notwendig, eine passende Struktur lasse sich allerdings nicht über Nacht etablieren – das ist Christopher Hermann auch klar. „Das muss auch im medizinischen Bereich wachsen, zwei Jahre sind da keine Zeit“, ergänzt Josef Bühler, AOK-Chef in Ostwürttemberg.

Bei der Digitalisierung stehe die Unterstützung des beratenden AOK-Mitarbeiter im Fokus. Als Beispiel nennt der AOK-Chef die zentrale Erfassung von Briefen in der Bezirksdirektion in Karlsruhe oder die „Dunkelverarbeitung“ von Rechnungen.

Wenn der Arzt fehlt

Hört auf mit der Flut von neuen Gesetzen.

Dr. Christopher Hermann
Rat des AOK-Chefs an die Politik

Beim Thema Ärztemangel auf dem flachen Land sieht Christopher Hermann eine veränderte Wahrnehmung in den letzten Monaten. „Das Thema ist deutlich im Bewusstsein der Akteure angekommen. Es gibt zwar keine Patentrezepte dafür, wie die Arztversorgung sichergestellt werden kann. Klar ist aber, dass nur mit vereinten Kräften die Dinge in richtige Bahnen gelenkt werden können“, sagt er. Sprich: Kassen, Kassenärztliche Vereinigung, Kreis, Land und Kommunen müssten zusammenwirken, um der Konzentration in Mittelzentren entgegen zu wirken. „Ich vergleiche das mit der Ansiedelung von Industriebetrieben: Die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Oft hilft, eine Immobilie sowie ein Betreiberkonzept sicherzustellen“, sagt Hermann.

Bühler pflichtet bei: „Wir müssen das Thema konzeptionell auf Landkreisebene angehen.“ Dass es drängt, belegen Bühlers Zahlen: 37 Prozent der aktuellen Hausärzte sind im Ostalbkreis über 60 Jahre alt. Für Frauen im Arztberuf müssten andere Modelle wie Ärztehäuser oder medizinische Versorgungszentren mit flexibleren Arbeitszeiten angedacht werden.

Hermann sichert zu, dass die AOK in der Fläche präsent bleibt. Nach langem Überlegen habe sich die AOK entschlossen, den Beitragssatz stabil bei 15,6 Prozent zu halten. „Mit Blick auf 2019, wo steigende Beiträge erwartet werden, haben wir 2018 nicht abgesenkt, um 2019 auch stabil bleiben zu können“, wagt er einen Blick in die Zukunft. Von der Politik wünscht er sich keine weiteren Gesetzesinitiativen. Im Gegenteil: „Eine Kommission, die Gesetze kritisch durchforstet, wäre eine Anregung, um Bürokratie abzubauen.“ Spricht’s und steigt alsbald wieder ins Auto.

© Wirtschaft Regional 11.01.2018 19:07
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