ENBW zieht die Notbremse

Das umstrittene Pumpspeicherkraftwerk Atdorf im Kreis Waldshut wird nicht gebaut. Weitere zeit- und kostenintensive Arbeiten wären notwendig gewesen. 70 Millionen Euro sind verloren.
  • Nur auf dem Papier, nicht in der Natur: In der Nähe von Herrischried im Kreis Waldshut sollte das Pumpspeicherkraftwerk entstehen. Foto: dpa
Für die Gegner war es ein Freudentag, auf den sie mit Sekt angestoßen haben. Die Schluchseewerk AG zeigte sich enttäuscht von der Entscheidung der ENBW, das Pumpspeicherkraftwerk Atdorf im Kreis Waldshut aufzugeben. Die ENBW ordne die Prioritäten ihrer Speicherprojekte neu, lautet eine Begründung. Eine weitere ist, dass das Unternehmen in den nächsten vier Jahren bis zur möglichen Baugenehmigung weitere Millionen in das Genehmigungsverfahren hätte stecken müssen. Die Planungskosten liegen bei mehr als 70 Mio. EUR. Die sind jetzt verloren.

„Wir haben in den letzten Monaten die Ergebnisse des dreiwöchigen Erörterungstermins sowie der behördlichen Nacherörterungsgespräche der Schluchseewerk AG umfassend geprüft. Auf Basis der nun vorliegenden abschließenden Bewertung sind wir zu dem Ergebnis gekommen, das Projekt nicht fortzuführen.“ Das teilte Dirk Güsewell, Leiter Portfolioentwicklung Erzeugung bei der ENBW, mit.

Die vertiefte Prüfung habe gezeigt, „dass mit den weiter anstehenden Projektschritten erhebliche kosten- und zeitintensive Arbeiten zu erfolgen hätten“, heißt es in der Mitteilung des Karlsruher Energiekonzerns. Damit gemeint sind umfangreiche Überprüfungen der ökologischen Kartierungen sowie das Flächenausgleichs-Konzept. Die Kosten dafür will sich die ENBW offensichtlich sparen und zieht die Notbremse. Geplant war, im Südschwarzwald, oberhalb von Bad Säckingen, ein Pumpspeicherkraftwerk zu bauen, um damit die Energie aus Windkraft- und Solaranlagen zu speichern.

Selbst wenn der Konzern das Projekt weiterverfolgt hätte, wäre ungewiss geblieben, ob das Pumpspeicherkraftwerk, das 1,6 Mrd. EUR kosten sollte, je gebaut worden wäre und ob es hätte wirtschaftlich betrieben werden können.

Die ENBW will sich künftig auf andere, „neue dezentrale Speichertechnologien“ konzentrieren, heißt es aus der Pressestelle in Karlsruhe. Dazu gehört die Entwicklung eines Lithium-Ionen-Speichers mit Bosch am Kraftwerksstandort Heilbronn, das Energiemanagement-Pilotprojekt mit Aldi Süd, sowie weitere Pumpspeicheraktivitäten mit den Projekten Obervermuntwerk II, das 2018 in Betrieb genommen werden soll, und Forbach, einem Erweiterungsprojekt einer bestehenden ENBW-Anlage.

Die Schluchseewerk AG, die Bauherrin des Projekts ist, bedauert den Ausstieg. „Wir sind enttäuscht, können den Schritt aber nachvollziehen“, sagt Pressesprecher Peter Steinbeck. Die Entscheidung sei nicht überraschend gekommen. Tatsächlich geriet das Projekt immer wieder ins Wanken. 2014 ist die RWE, die es bis dahin mitfinanziert hatte, ausgestiegen. Die ENBW hat es danach alleine weiter finanziert.

„Wir hätten es gerne zu Ende gebracht“, sagt Steinbeck. Er ist überzeugt, dass der Speicher gebraucht wird. Außerdem hätte das Unternehmen gerne unter Beweis gestellt, dass es ein so großes Projekt umsetzen kann. Dem Tochterunternehmen der ENBW bleibt die Aufgabe, das Projekt „geordnet zu beenden“.

„Sehr bedauerlich“ findet Umweltminister Franz Untersteller den Ausstieg. Doch er könne den Schritt verstehen. Die energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Investitionen in Pumpspeicherkraftwerke seien seit Jahren schwierig, bestätigt er. Trotzdem hält er Energiespeicher für die Energiewende für einen „wesentlichen Erfolgsfaktor“.

Mit „einem lachenden und einem weinenden Auge“ hätten Landratsamt und Regierungspräsidium Freiburg die Nachricht aufgenommen, sagt Jörg Gantzer, der im Landratsamt Waldshut das Planfeststellungsverfahren leitet. Mehr als 30 000 Stunden Arbeit seien investiert worden. „Jetzt können wir uns anderen Projekten zuwenden.“ Die Unterlagen, die mehrere hundert Ordner füllen, werden ins Archiv geschafft. Der ENBW wird eine Gebührenrechnung ausgestellt, die um die 1,5 Mio. EUR betragen dürfte.

„Es hat sich bestätigt, dass die Hürden zu hoch sind und das Projekt für die Region überdimensioniert ist“, sagt Ursula Schöneich, Mitglied im Vorstand der BI Atdorf, die unter anderem mit dem Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) gegen das Projekt gekämpft hat. Der Ausstieg sei eine Entscheidung für die Menschen, die Umwelt und die Natur, schreibt der BUND. Von Anfang an habe man den Plänen eine klare Absage erteilt. Zuletzt hatten sich auch etliche Bürgermeister der Region gegen das Projekt gestellt, weil es die Ausgleichsflächen für bauliche Eingriffe in die Natur aufgefressen hätte.

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© Südwest Presse 12.10.2017 07:45
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