„Dieselgate“ auch in Ingolstadt

Die Affäre von VW und seinen Töchtern zieht weitere Kreise. Die Oberklassetochter Audi und ihr Chef Rupert Stadler geraten immer stärker unter Druck.
  • Diesel-Motorblock des Audi A3 mit den bekannten Ringen, dem Logo der VW-Tochter aus Ingolstadt. Foto: GettyImages
  • SWP Grafik; Quelle: dpa Foto: SWP Grafik; Quelle: dpa
Der im Herbst 2015 aufgeflogene und von Volkswagen in den USA ausgelöste Dieselskandal ist mittlerweile ein Dickicht an Beteiligten, Vorwürfen und Ermittlungen. Ein Überblick über neue Entwicklungen:

Neue Vorwürfe Dass Audi bei den Software-Betrügereien des VW-Konzerns eine tragende Rolle gespielt hat, war bekannt. In den USA war ein stattlicher Teil der dort betroffenen Fahrzeuge mit Motoren aus der Audi-Entwicklung ausgestattet. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) wirft Audi nun in einem technisch anderen Fall vor, in Deutschland eine „unzulässige“ Abschalteinrichtung verwendet zu haben. Jetzt stehen Autos der Modellreihen A7 und A8 mit der Euro-5-Abgasnorm auf dem Prüfstand, in denen mit einer sogenannten Lenkwinkelerkennung die Abgasnachbereitung geregelt wurde. Laut Audi beeinflusste die Getriebesoftware die Motordrehzahl „ungünstig“. „In bestimmten Situationen“ lag der Stickoxid-Ausstoß demnach doppelt so hoch wie der Grenzwert.

Ausmaß des Vorwurfs Es geht um rund 24 000 Audis der Modelljahre 2010 bis 2013. Davon sind 14 000 in Deutschland zugelassen. Die nun angekündigte Umrüstung soll lediglich aus einem Software-Update bestehen, das den Audi-Kunden rund eine halbe Stunde in der Werkstatt koste. Voraussichtlich im Juli soll der Rückruf beginnen. Die Luxuskarossen fahren dank hoher Preise viel Gewinn für das Unternehmen ein, nicht zuletzt deshalb ist Audi neben Porsche der wichtigste Gewinnbringer für den Wolfsburger VW-Konzern.

Lenkwinkelerkennung Die Lenkwinkelerkennung steht bereits seit längerem im Verdacht, vor allem für Zwecke der Prüfstandserkennung verwendet zu werden. Auf der Prüfrolle werden die Räder üblicherweise nur gering eingeschlagen. Bei der betroffenen Motor-Getriebe-Kombination sorgte nun ein Winkel von mehr als 15 Grad für ein Herunterregeln der Abgasreinigung. Heißt: Im normalen Fahrbetrieb auf der Straße stoßen die Autos deutlich mehr aus als im Abgastest – laut Dobrindt ist dies „unzulässig“.

Beim ursprünglichen VW-Skandal, der im Herbst 2015 ans Licht kam, waren vor allem Fahrzeuge mit dem Dieselmotor EA 189 betroffen. Die Fahrzeuge wurden mit einer Software ausgestattet, die dafür sorgte, dass die Abgasreinigung einzig im Testmodus voll aktiviert ist und die Grenzwerte einhielt; auf der Straße stießen die Autos aber viel mehr Stickoxide aus. Im Herbst 2015 hatte das Kraftfahrtbundesamt KBA einen Rückruf von 2,4 Mio. betroffenen Fahrzeugen in Deutschland angeordnet, darunter waren auch Audi-Modelle.

Rolle Dobrindts Im neu entdeckten Fall hatte Audi nach Firmenangaben die Auffälligkeiten selbst festgestellt und sie dem KBA gemeldet. Aus Unternehmenskreisen hieß es, es sei bereits an einer Lösung gearbeitet worden. Umso erstaunter dürfte Audi gewesen sein, als Dobrindt am Donnerstag eilig zu einem Statement einlud, die Sache öffentlich machte und den Ingolstädtern damit zuvorkam. Selbst VW-Konzernchef Matthias Müller sei „einbestellt“ worden, so der Minister – schließlich habe man vereinbart, der Konzern sei verantwortlich für die Auffälligkeiten auch bei seinen Tochtermarken. Der Minister muss sich seit Aufflammen der Dieselaffäre Vorwürfen erwehren, er tue nicht genug gegen die Schummeleien.

Rolle Stadlers Der Audi-Chef steht schon seit längerem unter Druck, daran änderte auch die demonstrative Unterstützung der VW-Konzernführung und seine jüngst erfolgte Vertragsverlängerung nur wenig. Stadler ist nicht nur Audi-Chef, sondern als solcher auch VW-Konzernvorstandsmitglied. Ermittelt wird von der Staatsanwaltschaft München ohnehin bereits gegen Audi. Bisher ging es um die in den USA verkauften Diesel mit Schummelsoftware, nun sind auch die Verkäufe in Deutschland und Europa Thema.

Stickoxide, Fahrverbote, Klimaschutz Auch wenn der Autokäufer angesichts anhaltender Dieselturbulenzen den Selbstzünder immer mehr meidet, setzen die Autobauer auf die Dieseltechnik zur Reduktion des klimaschädlichen CO2-Ausstoßes. Grund ist die auf CO2 ausgerichtete Abgasregulierung in der Europäischen Union, die anders als in den USA nicht so sehr auf das gesundheitsschädliche Stickoxid abzielt. Schaffen die Autobauer gewisse Reduktionsziele beim CO2-Ausstoß in den nächsten Jahren nicht, drohen hohe Strafen aus Brüssel. Andreas Hoenig und Marco Engemann, dpa
© Südwest Presse 03.06.2017 07:46
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