Lästereien, Neid und Missgunst

Im Internet – zum Beispiel bei Kununu – können Mitarbeiter anonym ihre Arbeitgeber beurteilen. Daimler findet das gut.
  • Auf Plattformen wie Kununu können Nutzer anonym Bewertungen über Firmen schreiben. Foto: BU
Wäre das ein Schulzeugnis, könnte die Daimler AG beruhigt in die Sommerferien starten. „Erfolgreich und sexy“, „Hier zählt der Mensch und die Freude an der Arbeit“, „Sozialleistungen und Angebote sind hervorragend“ sind nur ein paar der Bewertungen, die dem Stuttgarter Unternehmen eine Punktzahl von 3,83 von erreichbaren 5 einbringen. 87 Prozent der 1662 Nutzer, die sich auf Kununu, der größten Arbeitgeber-Bewertungsplattform, geäußert haben, empfehlen Daimler weiter.

Wer negative Bewertungen sucht, muss nach unten scrollen: „Keine Wertschätzung – schwäbische Bauernmentalität, Arbeitsatmosphäre: Lästereien, Neid, Missgunst“ befindet ein Nutzer und vergibt 1,15 Punkte. Ein Ex-Mitarbeiter warnt: „Vorsicht: mehr Schein als Sein.“ Er warnt vor autoritären Vorgesetzten.

Was sagt das Unternehmen selbst zu der Flut an Bewertungen? „Kununu ist für uns ein Gradmesser, der spiegelt, wie wir in der Öffentlichkeit als Arbeitgeber wahrgenommen werden“, sagt eine Daimler-Sprecherin. „Ein weiteres Puzzlestück, das unsere Erkenntnisse aus Marktforschung und Umfragen vervollständigt.“ Die Bewertungen werden beobachtet und bei Bedarf an die jeweiligen Fachbereiche weitergeleitet. Daimler nutzt die Plattform aktiv. „Um ein aktuelles Bild zu kreieren und die Möglichkeiten einer solchen Plattform zu nutzen, verlinken wir unsere Online-Stellenanzeigen.“

Für die Betreiber der Plattform ist das kein Widerspruch zur eigentlichen Ausrichtung. Auch nicht die Tatsache, dass die Unternehmen Profile erstellen können. „Diese sind eindeutig von den nutzergenerierten Bewertungen getrennt. Das ist eine zusätzliche Stimme im Dialog über Unternehmen als Arbeitgeber“, sagt Pressesprecher Johannes Prüller.

Kununu verspricht in seinem Werbeslogan „volle Transparenz am Arbeitsmarkt“. Mit knapp 1,5 Mio. Bewertungen zu mehr als 295 000 Unternehmen ist es die größte Arbeitgeber-Bewertungsplattform in Europa. Andere heißen MeinChef und Jobvoting.

Die Seriosität will Kununu durch zwei Faktoren sicherstellen. Zum einen können die User Fragebögen ausfüllen, die auf einem erprobten Modell beruhen und ein ganzheitliches Bild von Unternehmen ermöglichen sollen. Außerdem werde jede Bewertung, die nicht den Regeln entspricht, deaktiviert, erklärt Prüller. Das betrifft 2 Prozent der Statements. Die Regeln sind relativ einfach. Die Bewertung von Personen ist nicht erlaubt, ebenso wenig dürfen firmeninterne Informationen veröffentlicht werden. Außerdem sind „diskriminierende, beleidigende, rufschädigende, rassistische und vulgäre Aussagen“ verboten.

Doch wer kontrolliert das? Jeder, der eine Bewertung abgeben will, muss sich mit seiner Mailadresse registrieren. „Technische Filter verhindern zudem das Posten von Schimpfwörtern und namentliche Erwähnungen“, sagt Prüller. Die Unternehmen können bedenkliche Inhalte melden, diese werden dann überprüft.

Von Unternehmen gesteuerte Bewertungen soll es nicht geben, zumindest keine unerkannten. Diese einzustellen erfordere hohen Aufwand, außerdem könne jeder Manipulationsversuch den Ruf des Arbeitgebers zerstören. „Im übrigen ist ein Manipulationsversuch kein Kavaliersdelikt, sondern nach dem Zivilrecht eine wettbewerbsrechtliche Unzulässigkeit und wird entsprechend geahndet“, sagt Prüller.

Andreas Henke, Pressesprecher des Verdi-Landesbezirks Baden-Württemberg, sieht in solchen Portalen „ein Stück weit Waffengleichheit“. Denn Personalchefs würden schon seit vielen Jahren vor Bewerbungsgesprächen im Internet nachschauen, wer ihnen da bald gegenüber sitzt. Trotzdem: „Wir raten dringend, Schlüsse nicht einseitig aus Internet-Bewertungen zu ziehen. Wie unseriös dies sein kann und wie leicht zu manipulieren, weiß schließlich jeder.“ Die Verdi-Mitglieder könnten auch bei der Gewerkschaft Fragen zu Unternehmen stellen. „Wir wissen in den allermeisten Fällen aus langjähriger Beobachtung und Begleitung über die Arbeitsbedingungen Bescheid: Ob ein Tarifvertrag gilt, ob es Betriebsräte gibt und auch so manches mehr.“
© Südwest Presse 02.02.2017 07:45
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