„Es gibt kein schlüssiges Konzept“

Christoph Straub über Bürgerversicherung, Beiträge und den Standort Schwäbisch Gmünd
  • Teure Medizin. Die Krankenkassen werden wohl in Zukunft wieder ihre Beiträge erhöhen. Foto: dpa
  • IChristoph Straub Foto: Barmer
Bei der Barmer GEK dürfte der Beitragssatz 2017 nicht so stark steigen wie im Durchschnitt der Krankenkassen, erwartet ihr Chef Christoph Straub.Bei den Krankenkassen droht Anfang 2017 eine Beitragserhöhung um bis zu 0,3 Prozentpunkten. Wie sieht es bei der Barmer GEK aus?

CHRISTOPH STRAUB: Unsere wirtschaftliche Entwicklung verläuft in den letzten zwei Jahren sehr positiv. 2015 haben wir unser Ergebnis deutlich verbessert: Es war ausgeglichen. Das planen wir auch für dieses Jahr. Wir profitieren von unserer Reorganisation, die wir in den letzten Jahren angestoßen haben.

Also keine Beitragserhöhung?

STRAUB: Das ist heute schwer vorherzusagen. Zum ersten gab es eine Ankündigung aus der Politik, allen Kassen 2017 zusätzlich 1,5 Mrd. EUR aus dem Gesundheitsfonds zur Verfügung zu stellen. Zum zweiten wurde zum Ende der letzten und in dieser Legislaturperiode eine ganze Reihe von Gesetzen verabschiedet, die alle die Ausgaben erhöhen. Daher rechnen wir in diesem Jahr mit rund 1,3 Mrd. EUR und im nächsten Jahr mit rund 3 Mrd. EUR zusätzlichen Ausgaben für die Gesetzliche Krankenversicherung. Entscheidend ist, wie der GKV-Schätzerkreis im Oktober die Ausgabenentwicklung bewertet. Zum dritten müssen wir unsere Entwicklung im Vergleich zum Markt ansehen.

Heißt das, dass es bei der Barmer GEK besser läuft als beim Schnitt der Kassen?

STRAUB: Ja, davon gehe ich aus.

Anfang 2016 haben Sie den Beitragssatz um 0,2 Prozentpunkte auf 15,7 Prozent erhöht. Haben das die Mitglieder akzeptiert?

STRAUB: Wir haben zum Anfang des Jahres Versicherte verloren, wenn auch glücklicherweise geringer als erwartet. Auch in diesem Jahr werden uns vermutlich wieder Versicherte verlassen. Das liegt vor allem daran, dass Kassen, die nur in einzelnen Bundesländern aktiv sind, einen extrem niedrigen Beitragssatz anbieten können, insbesondere im Osten, während wir bundesweit einen einheitlichen Beitragssatz haben.

Am 1. Januar 2017 fusioniert die Barmer GEK mit der Deutschen Betriebskrankenkasse. Welchen Einfluss hat das auf den Beitragssatz?

STRAUB: Keinen. Beide Kassen sind sich in diesem Punkt erstaunlich ähnlich. Sowohl die Finanzsituation als auch die Entwicklung der Deutschen BKK sind fast identisch mit unserer.

Warum dann die Fusion?

STRAUB: Die Zahl der Kassen nimmt ständig ab. Es gibt noch 117, aber sie wird weiter sinken. Im letzten Jahr ist eine neue Fusionswelle in Gang gekommen. Die Entscheidung beider Kassen war, in einem Markt, der konsolidiert, auf den wichtigen Faktor Größe zu setzen. Das gibt uns die Möglichkeit, besseren Service zu bieten, die Marke wirksam zu positionieren und in technologischen Entwicklungen mit vorne dabeizubleiben, etwa bei der Digitalisierung.

Mit der Fusion fällt das Kürzel GEK weg, das für die Gmünder Ersatzkasse steht, mit der die Barmer 2010 fusioniert hat. Warum?

STRAUB: Bei den meisten wurden wir auch nach der Fusion lediglich als Barmer wahrgenommen. Deshalb passen wir unseren Namen diesem Sprachgebrauch jetzt an. Aber die GEK bleibt ein wichtiger Teil des Unternehmens. Wir setzen auf die Kompetenz und Motivation der Mitarbeiter. Es gibt im Rahmen der Fusion keinen Personalabbau.

Was bleibt für Schwäbisch Gmünd?

STRAUB: Der juristische Sitz ist künftig in Berlin, aber die Zentralstandorte Schwäbisch Gmünd, Stuttgart, Wuppertal, Düsseldorf und Wolfsburg bleiben. Wir haben seit der Fusion in Schwäbisch Gmünd am ehemaligen Hauptstandort der GEK nicht nur die Arbeitsplätze erhalten, sondern auch neue Funktionen angesiedelt. Wir stehen eindeutig zum Standort Schwäbisch Gmünd.

Wie viele Arbeitsplätze gibt es dort?

STRAUB: In Schwäbisch Gmünd haben wir 989 Beschäftigte. Hinzu kommt Stuttgart, wo die Deutsche BKK 372 Mitarbeiter hat und wir 188. Dort richten wir ein Zentrum zur Bearbeitung allgemeiner Leistungen ein, und wir werden dort die Bearbeitung von Insolvenzen aus dem ganzen Bundesgebiet bündeln. Somit haben wir im Großraum Stuttgart-Schwäbisch Gmünd künftig ein vielfältiges Arbeitsplatzangebot. Die Standorte werden nicht geschwächt, sondern gestärkt.

Zurück zur Gesundheitspolitik. Die Parteien bereiten sich auf die Bundestagswahl 2017 vor. Was muss in der nächsten Legislaturperiode dringend angepackt werden?

STRAUB: Das Finanzierungssystem, genauer gesagt das Ausgleichssystem zwischen den Kassen für Versicherte mit besonders schweren Krankheiten. Regionale Faktoren müssen stärker berücksichtigt und für besonders teure Krankheiten muss ein Hochrisikopool eingeführt werden.

Sie sehen sich als bundesweit aktive Kasse mit einheitlichem Beitragssatz benachteiligt gegenüber Konkurrenten, die nur in einzelnen Bundesländern aktiv sind?

STRAUB: Wir erhalten vom Gesundheitsfonds Zuweisungen nach Durchschnittsausgaben für bestimmte Krankheiten, die bundesweit einheitlich sind. Aber die Angebotsstrukturen etwa der Krankenhäuser und damit die konkreten Ausgaben unterscheiden sich stark zwischen Metropolregionen und ländlichen Räumen und auch zwischen einzelnen Bundesländern. Daher kommt es zu Verwerfungen, und das muss korrigiert werden.

Für ein Wahlprogramm klingt das nicht sexy. Da tauchen eher Stichworte auf wie die Bürgerversicherung und die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung. Was halten Sie davon?

STRAUB: Über die Bürgerversicherung wird schon lange in der SPD diskutiert und damit über die Zukunft der Privaten Krankenversicherung. Es gibt kein schlüssiges und aus Sicht der Politik akzeptables Konzept, wie man mit ihr umgehen will. Die Idee der Bürgerversicherung, in der alle Mitglied sind, ist attraktiv. Aber wir sprechen uns nicht für die zwangsweise Schließung der Privaten Krankenversicherung aus. Bei der paritätischen Finanzierung rechnen wir mit einer Reform. Aber es hängt von der Zusammensetzung der künftigen Koalition ab, wie man mit der Beteiligung der Arbeitgeber an den Kassenbeiträgen umgeht.
© Südwest Presse 23.07.2016 07:46
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