Espresso auf der Baustelle

Italienische Mitarbeiter vermitteln Bekannte aus der Heimat an ihren Betrieb
  • Rentner Pietro Bellina, Pietro Ferraro, Umberto Noto, Mimmo Ingoglia und Salvatore Ingoglia (von links) trinken zusammen Espresso. Foto: Ferdinando Iannone
  • Neben dem Haus, in dem die Italiener wohnen, stehen die Lastwagen und Transporter der Firma Waggershauser. Foto: Ferdinando Iannone
Sie kommen aus Sizilien und Kalabrien - und arbeiten bei einer Straßenbaufirma im Südwesten. Der Kontakt entstand über Beziehungen zu italienischen Mitarbeitern, die seit Jahrzehnten in Deutschland sind.Das Wohnzimmer ist spartanisch eingerichtet. Die Wände sind weiß, es gibt keine Spur von Bildern oder Dekoration - fast wirkt es ein bisschen ungemütlich. An einer Wand steht ein Fernseher, darin läuft eine italienische Comedy-Serie. Auf der gegenüberliegenden Seite, an einem großen Esstisch, sitzen fünf dunkelhaarige Männer und unterhalten sich in schnellem Italienisch. Vor ihnen stehen kleine Tassen und eine Kanne mit Espresso.

Zwei der Männer sind Brüder, sie heißen Mimmo (39) und Salvatore Ingoglia (46). Beide arbeiten bei der Straßenbaufirma Waggershauser in Kirchheim unter Teck. Mimmo ist seit vier Jahren in Kirchheim, vor zwei Jahren kam auch sein Bruder Salvatore dazu. Vermittelt wurden die beiden von Umberto Noto (53), der aus der gleichen Region in Italien stammt. Er arbeitet bereits seit 36 Jahren bei Waggershauser. "Der Kontakt zu den Brüdern Ingoglia entstand über eine Freundschaft zwischen meiner Frau und Mimmos Schwiegermutter", erzählt Noto. Auch bei ihm klingt noch der italienische Akzent durch - gemischt mit schwäbischem Dialekt.

Wenn es bei der Firma an Mitarbeitern fehlt, nutzt Noto Beziehungen in sein Heimatland. Das muss schnell gehen, erzählt er. Innerhalb von drei Tagen müssten die Italiener oft nach Kirchheim kommen. Seit etwa drei Jahren holt er so Arbeiter in die Firma.

Insgesamt 25 seiner Landsleute arbeiten derzeit bei Waggershauser, berichtet Noto. Dazu kämen noch etwa 30 Mitarbeiter aus der Türkei, Griechenland und Albanien. Etwa ein Drittel der 150 Mitarbeiter besteht also aus Migranten. Damit liegt das Unternehmen über dem Bundesdurchschnitt: Im März 2015 waren etwa 12 Prozent der Beschäftigten in der Baubranche Ausländer. Das zeigt eine Statistik des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie. Über die vergangenen Jahre stieg der Anteil deutlich an, 2010 waren es noch weniger als 8 Prozent.

Die Bauwirtschaft Baden-Württemberg wirbt schon seit einigen Jahren im Ausland für Mitarbeiter, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Doch viele der so gewonnen Mitarbeiter sind schnell wieder in ihr Heimatland zurückgezogen, berichtet Pressesprecherin Eleni Auer. Bei Waggershausers persönlichem Konzept leben sich die Italiener offenbar besser ein.

Die Firma hat den Italienern Wohnungen in Kirchheim unter Teck zur Verfügung gestellt. Das Grundstück erinnert selbst schon an eine Baustelle: Neben großen Kiesbergen sammeln sich Transporter und Lastwagen. In dem gleichen Haus haben in den 1970er Jahren schon Migranten aus Italien gewohnt, zu denen Noto gehörte. Er lebte damals mit seinem Vater und seinen drei Brüdern in einem kleinen Zimmer im oberen Stockwerk, das jetzt unbewohnt ist. Hier ist es kalt und ein wenig schmutzig, auf dem Fensterbrett sammeln sich tote Marienkäfer. Der erste Stock wurde dagegen vor ein paar Jahren renoviert, erzählt Noto. Dort, in der funktional eingerichteten Wohnung, lebt jetzt Salvatore Ingoglia zusammen mit einem anderen italienischen Kollegen in einer Wohngemeinschaft.

Salvatores Bruder Mimmo hat den Sprung in die eigene Wohnung schon geschafft: Er hat seine Frau und seine Kinder zu sich nach Kirchheim geholt. Sein Sohn geht mittlerweile zur Realschule, die Tochter arbeitet bereits, erzählt er stolz in gebrochenem Deutsch.

Doch auch für ihn war der Anfang schwer, vor allem wegen der Sprachbarriere. Die enge Gemeinschaft der Italiener half ihm aber bei der Integration. Wie alle Neuankömmlinge kam er zuerst zu Noto auf die Baustelle. Dort lernte er auch ein wenig Deutsch. "In der ersten Zeit sind wir wie Babysitter", sagt Noto. Selbst am Wochenende seien die Männer fast nie allein.

Jeder der Italiener hat Erfahrungen als Bauarbeiter mit nach Deutschland gebracht. Noto spricht von der "Crème de la Crème der Branche", die er momentan nach Deutschland vermittelt. Das seien alles zuverlässige Arbeiter, die in Italien wegen der Wirtschaftskrise keine Arbeit finden. Nach zwei Jahren bei Waggershauser entscheidet der Chef, ob der Mitarbeiter bei der Firma bleiben kann. Diejenigen, die Noto vermittelt hat, bekommen normalerweise alle einen unbefristeten Vertrag, sagt er stolz.

Trotzdem zieht es einige der Italiener zurück in die Heimat. Ingogleas Mitbewohner Pietro Ferraro (46) hat zum Beispiel seine Frau und seine Kinder in Italien zurück gelasssen. Die Tochter soll demnächst auf die Universität gehen - da wird es schwierig, jetzt nach Deutschland zu ziehen. Wenn es daheim Arbeit gäbe, würde er vielleicht zurück nach Italien gehen, übersetzt Noto Ferraros Worte. Die Sizilianer hängen eben an ihrer Heimat, meint Noto. Über Weihnachten geht es darum für alle zurück in den Süden.
© Südwest Presse 24.12.2015 07:45
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